Vorrede des Verfassers. xxxv
„8. Ohne aber sträfliche Gebräuche aus vergangenen »Jahrhunderten herzuholen, mag ein jeder nach dem »Lichte der Vernunft über die Gebräuche, die dermalen »bey uns beobachtet werden, urtheilen, oder mag viel⸗ »mehr nur Acht auf das Verhalten selbst derer haben, „welche dazu gesetzt sind, die andern zu führen. Zweifels⸗ nohne wird man zum öftern finden, daß ein jeder seine »besondre Moral, seine eigne Andacht, seine Lieblings⸗ „Tugend habe; daß mancher bloß von Buße und Casteyung »schwatze, ein andrer nur Pflichten der Barmherzigkeit vschätze, und noch ein andrer endlich bloß über Andacht »und Gebeth halte. Woher kann aber diese Verschieden— »heit kommen, wenn die Vernunft des Menschen immer »dieselbe ist? Ohne Zweifel daher, daß man unterläßt, vsie zu Rathe zu ziehen; daß man sich von ihrer Feindinn, »der Einbildung, leiten läßt; daß man sich, statt die un⸗ »beränderliche Ordnung, als ihr unverbrüchliches und »natürliches Gesetz, vor Augen zu haben, Begriffe von 2 Tugend macht, die zum wenigsten einiger Maaßen mit »den Neigungen gleichstimmig sind. Denn es giebt »Tugenden, oder vielmehr Pflichten, die mit unsern „Säften zusammen⸗hängen; glänzende Tugenden, welche »stolzen und hoffärtigen Seelen, niedrige und demüthige, »„welche schüchternen und furchtsamen Gemüthern eigen »sind; und so zu sagen weichliche Tugenden, die sich mit vder Trägheit und Unthätigkeit vertragen.
»9. Man ist zwar darüber ziemlich einstimmig, daß „Ordnung das unverbrüchlichste Gesetz für die Gemüther, »und, was ihr nicht gemäß ist, unregelmäßig sey: aber »man behauptet ein wenig zu stark, daß die Gemüther »nicht vermögend wären, sich nach diesem Gesetze zu rich—
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