Aufsatz 
Das Elsaß und die Elsässer im "Rheinischen Merkur" 1814-16 / von Emil Mendling
(Zabern)
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die äußerſte Nothdurft gehen, und nie in ganzer Maſſe verdammen. So viele Zufälle wirken oft zuſammen; die blinde Wuth eines Ein⸗ zelnen ſtürzt oft ganze Geſammtheiten ins Verderben; Aeberraſchung, ſelbſt Wahnſinn treiben oft ihr Spiel, daß ſelbſt der Mildere im Augenblicke zu einer Härte hingeriſſen wird, die er in der Folge wohl bereut. Auch liegt im beſſern Menſchen ſelbſt eine reißende, greuelvolle, wilde Natur verborgen, die bei ſolchen Gelegenheiten durchbricht, und mit blindem Wüthen um ſich reißt, und hat ſie einmal Blut geleckt, ſich heißhungrig öfter nach der Speiſe ſehnt. Sie ſoll man in Zaum und Zügel legen, und die Maſſe nicht der rohen Soldatennatur hingeben, man kann und ſoll ſein Recht an ihnen ſuchen, aber menſchlich, wie es Sitte und geziemend iſt.

Zweierlei ſoll man bedenken, erſtlich daß der. Aufſtand in Spanien ebenſo begonnen, daß die wilde beſtialiſche Natur mit der Tatze zerfleiſchend in die Bruſt und die Eingeweide eines edeln Volks gegriffen, bis dieſes endlich im Zorne aufgeſtanden, und das Anthier in ſeinem Arm erwürgt. Haben wir die oben erſt einmal zu un⸗ verſöhnlichen Feinden uns gemacht, und ſie dazu gedrungen, daß ſie mit ihren derben Fäuſten drein geſchlagen, jene glatten Franzoſen, die uns ſo ſehr charmiren, haben ſich bald dazu geſchlagen, und das Feuer geht ſchnell an allen Enden auf.

Zweitens ſoll man ſich erinnern, daß wir gegen unſer eignes Blut wüthend uns vergehen, wenn wir das Maas des Nothwendigen überſchreiten. Wir müſſen das Elſaß ſchon als eine teutſche Provinz betrachten, wiedergekauft durch gutes teutſches Blut, und was wir dort zerſtören, iſt uns zerſtört, was wir erhalten, wird uns gerettet ſeyn. Denn das iſt doch nicht zu glauben, daß abermal die Diplo⸗ maten ſich aufmachen werden, und) bei ſtiller Nacht das Gewebe emſig aufzulöſen, das der Sieg am Tage gewoben hat, ſondern was von Gott und Rechtswegen uns angehört, wird dasmal unſer werden, und keine Aeberklugheit uns verzetteln.

An euch ihr Prinzen von Oeſterreich und Würtemberg und ihr beiden aus dem Cattenlande, die ihr in den Schlachten ſo brav gethan, an Euch iſts Recht und Gerechtigkeit zu handhaben, und dem Schwerte ſein Geſetz zu geben, nicht aus ſteifer Disziplin, die von einem äußerſten zum Andern ſchwankt, ſondern aus voller Bruſt hervor, wo der Sinn in rechter Mitte ſich zu behaupten weiß. Habt ihr ſie dem Feinde mit Waffengewalt abgeſchlagen, ſo gewinnt uns auch ihre Herzen wieder, die ſich von uns abgewendet, dieſer zweite Sieg wird der Größere ſeyn.

1) Lies: um.