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gehalten, damit der wahre Gang der Dinge für ſich ſpreche.
Es wäre wohl ein Wagnis, wenn man ſchon in der deutſchen Arzeit, im Gegenſatz der Stämme untereinander, oder in den Rivalitäten und Kämpfen der Völkerwanderungs⸗ zeit den Anfang eines zerſetzenden Partikularismus ſehen wollte. Hier handelt es ſich um nichts anderes als um die Anfangsſtadien aller größeren Stämme eines Volkstums; erſt im Laufe der Zeit wachſen die kleineren Beſtandteile zu einem Volk zuſammen und erſt dann entſteht das Gefühl der Zu⸗ ſammengehörigkeit. Am Anfang iſt es nirgends vorhanden, weder bei den Stämmen der Griechen, noch bei denen der Italiker, der Kelten oder der Germanen. Erſt als der frän⸗ kiſche Staat gegründet iſt und ſich über immer mehr ger— maniſche Stämme ausdehnt, beginnt ein Zuſammenhang, der negativ und poſitiv, im Auseinanderſtreben und in der Ver⸗ bindung, ſein dauerndes Leben gewinnt. Er wird durch den gewaltigen Willen Karls des Großen umgeſchaffen zu einem Gebilde, wie es die deutſche Geſchichte nicht wieder geſehen hat: zum feſt zentraliſierten Einheitsſtaat. So weit das Reich damals reichte— öſtlich bis zur Elbe, zum Böhmer Wald und zur Südoſtmark— war es ohne jede Zwiſcheninſtanz der Zentralregierung unterworfen. Schon Karls des Großen Vater Pipin hatte das alemanniſche Herzogtum beſeitigt, Karl zerſtörte das bairiſche und ſchaltete im unterworfenen Sachſen alle fürſtliche Gewalt aus— nur die von ihm ſelber eingeſetzten Beamten ſollten künftighin in ſeinem Namen im Reich regieren. Der raſche Zerfall dieſes Einheitsſtaates nach dem Tode Karls des Großen zeigte, wie ſehr das alles nur die Schöpfung einer einzigartigen Perſönlichkeit geweſen war, keineswegs bedingt durch die notwendige Entwicklung der politiſchen Verhältniſſe. Zwar kann man für die Auf⸗ löſung des karolingiſchen Reiches die Schwäche und den inneren Zwieſpalt der Dynaſtie mit verantwortlich machen, aber der partikulariſtiſche Geiſt der deutſchen Stämme ließ ſofort Gewalten emporkommen, die ihr Sonderdaſein im Gegenſatz zum zentraliſierten Staate geltend zu machen


