Periodikum 
Hessische Lazarett-Zeitung : Mitteilungen über Unterrichtswesen, Berufsberatung u. Stellenvermittlung / hrsg. ... vom Hessischen Landesverein vom Roten Kreuz / Gießener Beilage
Entstehung
Darmstadt Im Digitalisierungsprozess Nummer 21 (1. August 1916), 1915-1917
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Das war der Tag, an dem wir beten ternten

Das war der Tag, an dem wir beten lernten. Rings tiefe, ſtille Nacht; vom ganz entfernten Walde drang nur vereinzelt Schießen her, Da goß ſich jählings wie ein toſend Meer in Hagel von Granaten und Schrappnell Auf uns. Von Leuchtraketen ſchien die Nacht taghell uUnd nur beim fahlen Blitz krepierender Geſchoſſe Sah man mit Grauen Freund und Blutsgenoſſe Dahingemäht.

ann kam der Angriff. Siebenmal Auf unſ're Stellung her vom Tal

Eind ſie herangeſtürmt, . Und vor uns lag, zu Bergen hochgetürggt, Ein Wall von Menſchenleibern, jammernd

ſtöhnend.

Noch lauſchen wir dem Schießen, dem entfernten; Das war der Tag. an dem wir beten lernten.

Kurt Dietz, Huſarenregt. 9

Gießen in derTäglichen Rundſchau.

Von der Ruhe der Heele.

Das Herrlichſte in dieſer Kciegszeit iſt ein ru⸗ ger Menſch. Dieſe Ruhe der Seele iſt ein unverlier⸗ vares Kleinod. Manchmal waren wir in Gefahr, es zu verlieren, manchmal kam die Unruhe der äußeren Dinge, und man vergaß, daß die Welle des Meeres nur die Oberfläche berührt, aber das Meer ſelbſt in ſeinen Tiefen ſlille bleibt, auch dann, wenn Sturm tobt, daß Shiffe zerſchellen. Ein ſolcher ruhiger Menſch iſt heute ein Labſal für alle die, die mit ihm verkehren. Er wirkt befreiend und kräftigend, er nimmt teil an aller Not, und ſeine Seele wird doch erſchüttert bis zum Innerſten, aber in den Tiefen ruht ſein Geiſt und erkennt die Anker, die in die Ewigkeit gehn. Das Ewige iſt

heute offenbar; es iſt nicht außer der Zeit, es liegt

nicht jenſeits dieſer Welt, es iſt in uns. Die Seele iſt ſeine Heimat. Nicht das Ideal der teilnahms⸗ loſen Unerſchütterlichkeit reizt uns heute, aber in voller Teilnahme an Jubel und Schrecken das Gleichgewicht behalten, in all den Stürmen trotzdem geradeaus zu ſehn, das heißt deutſch ſein. Hüte deine Seele und pflege die Seele des andern; das iſt Kriegsdienſt. So arbeiteſt du mit an dem neuen Buau, deſſen Geundſtein wir ſehn, an dem Tempel einer neuen Zukunft, deſſen goldne Hallen einſt uſre Kiader und Kindeskinder erfüllen ſollen mit neuer Tatkraft, alter Treue, frommem Frohſinn.

Gottfried Traub. (Aus derSonntagsfeier 13, Nr. 16, 1916.)

Gefangene IFranzoſen in Gießen im Jahre 1870-71.

Bereits am 5. Auguſt 1870, unmittelbar nach der Schlacht bei Weißenburg, paſſierten die hieſige Eiſenbahnſtation die erſten gefangenen franzöſiſchen Soldaten, unter ihnen viele Turkos, die unter preußiſcher Bedeckung nach Norden befördert wurden. Am 6. Auguſt kam die erſte erbeutete franzöſiſche Kanone über die Station Gießen, die als Trophäe in die Ruhmeshalle nach Berlin gebracht wurde. Faſt jeder folgende Tag brachte Verwundete und Gefangene, denen am Bahnhof Erfriſchungen gereicht wurden. Sofort nach der Keiegserklärung am 15. Juli hatte ſich in Gießen ein Hilfsverein zur Pflege der Kranken und Ver⸗

pundeten im Felde gebildet, bei dem infolge eines . Aufrufes an die Bürgerſchaft bereits am 26. Juli ₰△

Gießener Beilage.

2579 Gulden an freiwilligen Gaben einliefen. Ein aus Bürgersſöhnen und Studenten gebildetes frei⸗ williges Sanitätskorps ſtellte dem Hilfsverein ſeine Kräfte zur Verfügung. In den Kliniken und in der Turnhalle(hinter der heutigen Rickerſchen Buchhandlung) entwickelte der Alice⸗Frauenverein eine fieberhafte Tätigkeit zur Herſtellung von Ver⸗ bandſtoffen. Auf dem Seltersberg wurden Vor⸗ kehrungen getroffen zur Errichtung von Baracken für die Aufnahme von Kranken und Verwundeten (Die heutigen neuen Kliniken beſtanden damals noch nicht.) In den ecſten Tagen des Auguſt trafen die erſten Verwundeten hier ein. Am 12 Auguſt verſtarb im hieſigen Lazarett der Franzoſe Charles Bruguerolles, Kapitän im 3. Zuavenregiment, der unter großen militäriſchen Ehren beſtattet wurde. Ihm wurde ſpäter von hieſigen internierten fran⸗ zöſiſchen Offizieren eine Sandſteinſäule als Denk⸗ mal auf dem hieſigen alten Friedhof errichtet.

Die alte Zeughauskaſerne mußte geräumt werden, um zur Aufnahme gefangener Franzoſen bereit zu ſein. Das daſelbſt untergebrachte Erſatzbataillon des 2. heſſiſchen Regimentes kam in der Stadt in Quartiere. Die Bürger mußten die Verpflegung der Soldaten koſtenlos übernehmen. Als Aufent⸗ haltsort für kriegsgefangene franzöſiſche Offiziere wurden außer Darmſtadt die Garniſonſtädte Gießen, Friedberg, Offenbach Babenhauſen, Worms beſtimmt. Kciegsgefangene Unteroffiziere wie Soldaten ſollten in Gießen und Offenbach untergebracht werden. Am 15. September kamen 17 kriegsgefangene Offiziere in Gießen an und bezogen Quartiere in der Stadt. Es war den kriegsgefangenen Offizieren und Beamten im Offiziersrange das Mieten und Be⸗ ziehen von Privatquartieren auf eigene Koſten geſtattet worden, wenn ſie ſchriftlich ihr Ehren⸗ wort gaben, keinen Fluchtverſuch zu unternehmen. Am 20. September trafen 6, Ende September 25 franzöſiſche Offiziere mit 11 Burſchen hier ein. Gefangene Unteroffiziere und Mannſchaften wurden hauptſächlich anfangs November nach der Kapitu⸗ lation von Metz hierher verbracht.

Im ganzen wurden bis zum Friedensſchluß am 10. Mai 1871 in Gießen 104 franzöſiſche Offiziere interniert. Unter ihnen befanden ſich 1 General, 4 Oberſten, 1 Oberſtleutnant, 8 Majore, 23 Haupt⸗ leute, 43 Leutnants, 24 Unterleutnants, 1 Veteri⸗ närarzt. Sie gehörten verſchiedenen Waffengattungen an, hauplſächlich den Linienregimentern; aber auch Garde⸗Küraſſiere, Chaſſeurs d'Afrique, Jäger zu Fuß, Artilleriſten, Marineſoldaten befanden ſich unter ihnen. 30 Leutnants wurden kaſerniert; die übrigen Offiziere wohnten teils im Zinſerſchen (heutigen Steinſchen) Garten, im Einhorn, Café Kuhlmann, im Löwen und Rappen. Andere mie⸗ teten ſich bei Bürgern ein.

Die kriegsgefangenen Offiziere erhielten die Er⸗ laubnis, ſich vor der Reveille bis abends 9 Uhr ungehindert innerhalb der Grenzen ihres Aufent⸗ haltsortes zu bewegen; auch durften ſie Zivilkleider anlegen. Dies erſchwerte allerdings die Aufſicht; doch wird von Deſertionen der Offiziere nichts berichtet. Ihre ein⸗ und abgehenden Briefſendungen unterlagen der Durchſicht des Kommandanten. Kriegsgefangene Unteroffiziere und Mannſchaften durften die Kaſerne ohne militäriſche Bewachung nicht verlaſſen. Arbeitswillige gefangene Franzoſen konnten Beſchäftigungen finden. Die Kreisämter und Gemeinden waren angewieſen, ihnen Arbeit zu über⸗ tragen. Sie wurden hauptſächlich beim Wegebau be⸗ ſchäftigt. Einzelne ſtanden bei hieſigen Handwerks⸗ meiſtern in Arbeit. Die in der Stadt allein beſchäftig⸗ ten Gefangenen machten oft Verſuche zu deſertieren, was ihnen auch meiſt gelang. Der Arbeitgeber hatte dem gefangenen Arbeiter außer den Verpflegungen täglich 40 Pfg. zu zahlen, die zum Teil zum In⸗ ſtandſetzen der Kleider und Wäſche verwendet wurden. Die franzöſiſchen Offiziere verkehrten hauptſächlich bei Wirt Mosler, dem Pächter des

Café Ebel, bei Wirt Leib imRappen und im Geſellſchaftsverein. In dieſen Lokalen lag auch die von den franzöſtſchen Offizieren gern geleſene Indépendance-Belge auf. Abonnent dieſer Zei⸗

Belliſche Tazarett-Zeitung.

1. Auguſt 19ro.

tung war außerdem der bei Ausbruch des Keieg aus Paris ausgewieſene Gießener Sattler Walls bei dem die franzöſiſchen Offiziere viel verkehrter, da er ihnen oft als Dolmetſcher dienen mußte.

ImGießener Anzeiger vom 16. Novembar 1870 wird gerügt, daß vielen Einwohner es ver⸗ gäßen, den Franzoſen gegenüber die nötige Würde zu wahren. Viele ſeien glücklich, ihre paar franzöß⸗ ſchen Brocken an den Mann zu bringen und ließen ſich dadurch zur devoteſten Unterwürfigkeit verleiten. Man ſolle ihnen ein höfliches, würdevolles Banch⸗ men zeigen aber ſie nicht hätſcheln und peſchen und ihnen den Zutritt in die Familie geſtatten.

Wieoiele verwundete und kranke Franzoſen den hieſigen Lazaretten Aufnahme gefunden, ſich nicht beſtimmt feſtſtellen. 15 erlagen in Verwundungen und ſind auf dem hieſigen a Friedhof beſtattet. Sie deckt die deutſche Erde⸗ friedlicher Vereinigung mit ihren deutſchen verſ benen Kameraden. Den hier ruhenden Franzz⸗ wurde von ihren Landsleuten ein ſchlichtes D mal errichtet, ein eiſernes Kreuz auf einem Su ſteinſockel mit der Aufſchrift:A la méèémoire o soldats français décédés à Giessen en 1870/ Erigé par leurs compatriots.(Dem Anden der in Gießen im Jahre 1870/71 verſchieden franzöſiſchen Soldaten. Errichtet von ihren Laa leuten.) Auf der Oſtſeite des Sandſteinſockels ſt in lateiniſcher Sprache das Bibelwort aus Hebr 11, Vers 16:Nunc appetunt meliorem patrian (Nan ſtreben ſie einem beſſeren Vaterlande zu.)

Dr. H. Bergey

Literatur

Verwundet. Von Unteroffigier Fr (Weſtdeutſche Kriegshef e 6), 80(3( 1916. Verlag der Weſtdeutſchen Preis 30 Pfg. Seldſt ſchwerverwundet hatte der T Lazareiten an der Front und in der Hein Monate G legenheit die Stimmungen d genoſſen zu beobachten und über die ei zudenten. Was er in ſeinen Skizzen wird manchen Verwundeten tein und aufrichten. Möoöge das B Hände kommen.

Volksunterricht, Hilfs kurſe, herausgegeben vom Ser. dentenarbeit. Volksvereinsverlo M. Gladbach.

Schon vor mehreren Jahren! dieſer Sammlung begonnen, der ein. möglichſt kurz und klar jeweils die G eines Wiſſenszweiges darlegen wollen. Si ſich als Hilfsbücher für Unterrichtskurſe, ſehr gut züm Selbſtunterricht und zur holung ſchon bekannter Gebiete. Manche Verwundeten wird ſie in den Tagen der Gen⸗ Vorteil in die Hand nehmen können. liegen vor die Hefte: 1 Deutſch, 2 3 Rheiniſche Heimatkunde, 4 Wetterkun, e, Pflanzenwelt, 6 Angewandtes Rechnen ſchaftskunde Badens, 8 Wiriſchaftskund bergs, 9 Geologie, 10 Schriftverkehr, S des Arbeiters und Handwerkers.

Jede Nummer koſtet nus 30 Pfg

Berichtigung.

Der Verfaſſer des AufſatzesGeduld in Beilage vom 16. Juli d. J. iſt Profeſſor Dr.7 in Bad⸗Nauheim, nicht Streiker, wie es infolg fehlers hieß