Periodikum 
Rheinland in Wort und Bild : Beiblatt zum "Kölner Tageblatt"
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Entstehung
Köln Im Digitalisierungsprozess 6. Jahrgang, Nr. 3 (14. Januar 1906), 1901-1906
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Das war ja eine schöne Idee von Lotte! heu zwar eigentlich nicht, jedoch öfters von dem érfolg begleitet, dass die Husführenden nachher nicht mehr erlebten, welchen Eindruck ihr plan auf die Leute gemacht hat.

Der herr Steiger hatte indessen seinen hut genommen und trug selbst seinen Intwortbrief für den geliebten hachbarn zur Post. Dabei schwelgte er in wonnigen Gedanken, wie sich der Hlte drüben über die spitzfindig ausgeklügelten Bosheiten ärgern würde.

Was in dem Briefe gestanden, hat nie eine lebende Seele erfahren ausser dem Empfänger. Und der soll nach der Lektüre einen gelinden Cobsuchtsanfall bekommen und dann sämtliche bekannte hamen aus dem Cierreich laut aufgesagt haben ob als Gedächtnisübung, oder mit Bezug auf irgend Jemand, ist nie recht erwiesen worden.

Und dann warf er den Brief selbst ins lodernde Küchenfeuer, undh sah mit solch diabolischem Uergnügen zu, wie das papier sich krümmte und bräunte in den Flammen, als sàhe er seinenFreund schon im höllischen Bratofen schmoren zur Strafe für die Unbill, die er ihm an⸗ getan...

Und dichter wie je, umspann seit diesem Cage die Feindschaft die

beiden hachbarn, noch glühender hassten sie sich, und es war nicht

die geringste hoffnung, dass jemals noch im Leben der Frieden wieder einzöge in die beiden häuser, die doch so einträchtig nebeneinander lagen...

Die beiden Liebenden hatten- doch oft Gelegenheit gefunden, in den nächsten Wochen, sich zu treffen, noch inniger schlossen ihre herzen sich aneinander. Zwar war Max von Lottes Plan, gemeinsam in den Cod zu gehen, nicht sonderlich erbaut, das hatte seiner Meinung nach noch Zeit in 50, 60 Jahren.

Eéinstweilen dachte er sichs doch schöner, mit seiner lieben Frau Steigerin einige glückliche Jährchen zu verleben.

Sein nie versiegender humor und Frohsinn heiterte Lotte auch wieder auf, wenn sie den Mut verlieren wollte.

In seinem Elternhause tat er einstweilen ganz unbefangen undh freundlich. Langsam wusste er des Uaters herz zu bearbeiten, bis er schliesslich nach Wochen Lotte triumphirend die hHachricht bringen konnte, dass halb und halb sein Uater gewonnen.

Das war aber nur ein ganz kleiner Erfolg und die Hussichten für das Liebespaar noch reichlich trübe, solange der alte Steiger nicht seinen sinn änderte. Und da dachte der gar nicht dran.

Die Zeit verging. Sie brachte soviel des Interessanten, dass schliess- lich die Feindschaft etwas in den hintergrund rückte, aber ihren platz behauptete sie trotzdem dort!

Uon draussen her gabs allerlei Ublenkung. Die meiste brachte wohl der grosse Streik, der alle Gemüter in der Runde im Bann hielt, und dessen Uachsen und Fortdauern auch Steiger hassdorf eifrig verfolgte.

Schliesslich reifte in ihm der plan, in die nächste grössere Stadt zu fahren, mal mitten hinein in den Streiktrubel, um dort selbst einige der bekannten rbeiterführer in den Uersammlungen reden zu hören.

Und gedacht, getan; eines Morgens dampfte er ab.

In der Stadt bekam er viel zu sehen und zu hören, denn allerlei Elemente hatte der Streik da zusammengeführt. Ruch mehrere grosse Uersammlungen hatte er besucht und mit Kopfschütteln die flammenden Reden angehört.

Im grossen Ganzen ärgerte er sich, und hätte auch beinahe mal mit seinem Dachbarn einen Disput angefangen, weil die ihm zu bei⸗ fällig die Husführungen der Redner aufnahmen. Zum glück lief der Zwischenfall noch friedlich ab, aber der Steiger war dadurch in gereizte Stimmung geraten.

Und nun führte ihn sein instern noch in dieFriedenskrone, ein sehr besuchtes Lokal, in dem auch heute Abend wieder eine grosse Anzahl meist jüngerer Männer eifrig debattierten. Uild gährte es in den meisten Köpfen, und wild und konfus waren auch die Reden der jungen Weltverbesserer, denen hassdorf jetzt zuhören musste.

Sine Weile ging alles gut, und er blieb still zu Hllem. Hber leider kannten die jungen Leute den Steiger nicht, und beachteten ihn also auch nicht, was seine sonstige Ümgebung bereits mit Besorgnis erfüllt hätte: Er fing an zu schnaufen vor unterdrücktem Grimm, und sein Gesicht nahm eine rötlich⸗violette Färbung an.

Dann war er immer nur mit Uorsicht zu geniessen. Und natürlich liess auch heute die Katastrophe nicht lange auf

Ssich warten.

Huf einmal hatte er sich erhoben, und hielt den Inwesenden eine Rede, in deren Uerlauf er immer mehr in Uut hineinkam und worin er den jungen Leuten seine meinung sagte, so ungeschminkt, wie eben nur er, der alte Grobian, es fertig brachte.

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Die Zuhörer hatten den unbekannten grauhaarigen Hlten mit un⸗ verhohlenem Erstaunen betrachtet und ihm zuerst ganz starr zugehört. Als er aber nun losfuhr:

Ihr wollt Bergleute sein? Den ganzen Stand verschimpfet Ihr! Solltet besser mit mausefallen hausieren gehen!

lch müsste Euer Steiger sein, da brach ein Johlen und Schreien los, dass man weiter kein Uort verstand.

Drohende Fäuste erhoben sich und als eine jugendlichhelle Stimme Stimme anfeuernd über allem Wirrwar hinüberkrähte:Rut mit den ollen Kierl! Rut mit den ollen Kierl! rückte man dem Gast zu Leibe.

Wie der nun den ganzen haufen um sich herum sah, und allerlei lieblose Benennungen ihm bereits um den Kopf schwirrten, verlor er alle Selbstbeherrschung, und schwapp! hieb er dem hächsten, der ihm seine schwielige Faust unter die hase hielt, eine feste Ohrfeige'runter.

Das wirkte wie ein Crompetenstoss zum Beginn der Schlacht, und wer weiss, was passiert wäre, wenn nicht zwei irdische Friedensengel mit langen Schritten auf den Rnäuel der Streitenden hingeeilt, und, mit fachmännischen händen das Gewühl zerteilend, sich die herausge. langt hätten, die die grösste Wirksamkeit entfalteten.

Leider befand sich darunter auch der alte Steiger, der nun würde- voll, seinen zerbeulten hut in der hand, den beiden Gendarmen hamen und Stand nannte.

Aber die hatten wohl mal den schönen Uers gelesen:

Dur was man schwarz auf weiss besilzt, Kann man getrost nach hause tragen und forderten kaltlächelnd Legitimation.

Bereitwillig fuhr hassdorf in die Rocktasche nichts drin!

In der zweiten wieder nichts von irgend welchen Husweispapieren. hnatürlich wie immer, wenn man sie braucht.

Schlimm in diesen unruhigen Zeiten. Doppelt schlimm, wenn die Diener der Gerechtigkeit stirnrunzelnd zusahen, dass man der beliebte mittelpunkt eines Krawalles war.

Das erfuhr nun auch hassdorf, der mit noch einigen andern der Festteilnehmer die beiden Gendarmen zur bpolizeiwache begleiten musste.

Was half es, dass er nur den jungen Leuten ihre verschrobenen Ansichten hatte zurechtsetzen wollen? Die Gendarmen waren zu ab⸗ gestumpft, als dass diese edle Absicht sie gerührt hätte ausserdem hatten sie an den Belehrungen nicht teilgenommen, sondern nur noch gesehen, wie sein hitziges Cemperament ihn mit fortgerissen hatte.

Alles weitere würde sich schon finden, trösteten sie.

Die Strassen waren trotz der Abendstunde sehr belebt, viele men⸗ schen wanderten hin und her, Causende hatten ja die Uerhandlungen, die in diesen Cagen hier geführt wurden, herbeigezogen.

Ruf einmal fasste einer der beiden jungen männer, die auch durch das Gedränge schlenderten, den Hrm seines Begleiters und rief erstaunt:

Da sieh doch mal, Max, ist das nicht der intimste Feind deines Uaters, der da drüben zwischen den Gendarmen?.

Der Angeredete wandte hastig den Kopf und sah starr auf das merkwürdige Bild, zu dem er sich gar keinen Uers machen konnte.

Was stellte das vor, der alte Steiger mit einigen jungen Burschen und zwei Gendarmen zusammen, und dazu anscheinend in grösster Erregung?

Es trieb Max Wallner hinüber, nachdem er seinem Freunde noch bedeutet, ruhig auf der andern Seite dem Zuge zu folgen, bis er wieder bei ihm sein würde.

Kaum kam er schräg über den Strassendamm, als hassdorf ihn auch schon bemerkte. Im ersten Hugenblick hatte er das beruhigende Gefühl: Gottlob, ein Bekannter, der dich legitimieren kann. Hber sofort tiel ihm dann ein, wer Wax war unmutig schlossen sich die schon halb geöffneten Lippen, und er schritt stumm weiter.

Wax hörte nun von einem der hinterhergehenden, was die Gruppe da vorn bedeute, und blitzschnell stieg ihm ein plan auf! Jetzt oder nie konnte er sich dem Alten anfreunden jetzt galts!

Und beharrlich ging er neben der Gesellschaft her, und bald hatte er sich, wie absichtslos, neben hassdorf geschlängelt.

Der kämpfte mit sich selbst. Seine zornige Hufwallung hatte sich gelegt, er schämte sich heimlich ein bischen, dass er sich so hatte hin⸗ reissen lassen. Da hatte sein heisses Blut ihm wieder einen schönen Streich gespielt..

Und wie leicht hätte der Streik böse auslaufen können!

Übermässig angenehm war die jetzige Situation zwar schliesslich auch nicht gerade. Denn man würde ihn wohl festhalten, bis von daheim seine Hngaben bestätigt waren.

Fortsetzung folgt