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Frau Tillmann. Wenn Sie meinen, will ich ihn auf der Stelle.
Direktor. Jetzt nicht, gnädige Frau, bitte, bleiben Sie.
Frau Tillmann. Aber Sie ſind davon überzeugt, daß Robert ſchädlichen Einflüſſen leicht zugänglich ſei.
Direktor. Wie meinen Sie das? Woraus ſchließen Sie—
Frau Tillmann. Wenn ich allein mit ihm bin, und ihn bei ſeinen Schularbeiten betrachte, zuckt zuweilen etwas über ſein Geſicht, das mich an ſeinen Vater erinnert. Ich ſuche das Bild des Unglücklichen ängſtlich vor ihm zu ver⸗ bergen, aber oft blitzt es mir in unheimlicher Weiſe aus den Zügen meines Kindes entgegen wie eine Gefahr, eine Drohung, bei der mir eine innere Stimme zuruft:„Auch dieſes Kind trägt den Keim zum Böſen in ſich und die fluch⸗ würdige That ſeines Vaters hat auf den Sohn eine ver⸗ derbliche Anlage vererbt.“ Wenn ich daran denke, verliere ich die Faſſung und möchte verzweifeln. Als ich heiratete, war ich faſt noch ein Kind, ahnungslos, voll Vertrauen, daß die Menſchen im edlen Wetteifer bemüht ſein müßten, ſich den Himmel auf Erden zu ſchaffen. Und da packte mich das grauſame Schickſal, riß mich aus allen Träumen und Hoffnungen. Oh, es war entſetzlich. Dieſes Kind iſt der einzige Troſt, an den ich mich anklammere. Wenn es mir verloren gehen ſollte, würde ich nicht länger leben wollen.
Direktor. Sie ſind außer ſich, Frau Tillmann.
Frau Tillmann. Soll der alte bibliſche Fluch von den Sünden der Väter auch an meinem Sohn in Erfüllung gehen? Glauben Sie an die Möglichkeit einer ſolchen Vererbung? Sagen Sie mir aufrichtig Ihre Meinung. Ich bitte Sie.
Direktor. Bis jetzt ſind unſere Kenntniſſe vom Weſen der Vererbung kümmerlich. Wir wiſſen nicht, was denn eigentlich und wie es vererbt wird. In Ihrem Fall würde es ſich hier um eine Vererbung von Vaters Seite handeln. Aber ſelbſt wenn man zugeben wollte, auf Ihr Kind ſei, eine Veranlagung zum Böſen übergegangen, darf man doch nicht vergeſſen, daß Sie es ſind, die ihm Ihr Fleiſch und Blut, Ihre reine Seele gegeben haben.


