Lage. Ich verſtehe mein eigen Fleiſch und Blut nicht. Ich fürchte, ich bin nicht mehr imſtande, mein Kind auf dem rechten Wege vorwärts zu bringen. Ich bin ſo ſchwach und hilfsbedürftig, daß ich...(mit Thränen in den Augen und in der Stimme) Verzeihen Sie einem geängſtigten Mutter⸗ herzen, wenn es ſich nicht beherrſchen kann... 3
Direktor. Faſſen Sie ſich, gnädige Frau— ich bitte Sie—
Frau Tillmann. Der entſetzliche Tod meines Mannes— Sie werden davon gehört haben—
Direktor. Ich bin erſt ein Jahr im Amt. Ich weiß nicht, was Sie meinen.
Frau Tillmann. Dann erlaſſen Sie mir, davon zu ſprechen. Die bloße Erinnerung daran regt mich auf und macht es mir ſchwer, meine Faſſung zu bewahren.
Direktor. Sie können immerhin frei und offen mit mir ſprechen.
Frau Tillmann. Das Unglück, das mich damals be⸗ troffen hatte, war die Urſache einer ſchweren Krankheit, von der ich mich erſt ſeit wenigen Wochen zu erholen begonnen habe. Während dieſer Zeit war mein Sohn Robert in einer Penſion in Stettin und dort iſt er ganz ſich ſelbſt über⸗ laſſen geblieben.
Direktor. Nun, man kann auch in Stettin etwas Tüchtiges lernen.
Frau Tillmann. Gewiß. Aber ich kann meinem Kinde ſeitdem nicht in die Augen ſehen, ohne daß mich der Ge⸗ danke beſchleicht, er könnte auf Abwege geraten, mir wohl gar einmal Schande machen. Das iſt die Angſt, die mich nicht mehr losläßt und die mich zu Ihnen treibt. Helfen Sie mir, Herr Direktor, ich flehe Sie aus dem Grunde meines Herzens an.
Direktor. Sie ſind aufgeregt, gnädige Frau und ſehen Geſpenſter am hellen Tage. Soll ich Ihnen meine offene Meinung über Robert ſagen?
Frau Tillmann. Ich bitte Sie darum.
Direktor. Robert iſt offenbar ein gut veranlagter Knabe. Er hat mir ſogar ein paarmal in der Stunde Antworten gegeben, über die ich mich aufrichtig gefreut habe und die auf eine eigentümliche, wenn auch nicht leicht zu erkennende


