Teil eines Werkes 
[1] (1902) Das Lahnthal von der Lahnquelle bis zur Mündung nebst den Seitenthälern in ihren unteren und mittleren Stufen : mit ca. 100 Illustrationen und 5 Plänen, 4 Kärtchen und einer grossen Übersichtskarte / bearbeitet von Heinrich Luerssen, Wetzlar
Entstehung
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8. Stadt zu. Nach Ueberschreitung der neuen Lahnbrüeke, er- öffnet 1867, gelangt man auf eine von der Lahn und ihren Armen umschlossene Insel, welche in ihrem südlichen Teile von zahlreichen Universitéts-Instituten besetzt ist. Gleich links leitet ein Pfad flussabwärts zu der medizinischen Klinik und Poliklinik, einem umfangreichen Gebäudekomplex aus roten Sand- und Backsteinen, vollendet 1886, mit vorzüglicher Ein- richtung, zugleich Landkrankenhaus und Militärlazarett. Un- mittelbar daneben erheben sich die stattlichen Gebäulichkeiten der chirurgischen Klinik. Zwischen einem für Frauen und einem für Männer bestimmten Bau schiebt sich der mäch- tige mit den modernsten Einrichtungen versehene Operations- saal, untereinander durch Bogengänge verbunden. Die innere Einrichtung entspricht in jeder Beziehung den modernen Anforderungen. Der Klinik gegenüber in der Rosenstrasse erhebt sich der mächtige Neubau der Anatomie. Wo die Bahnhofstrasse die Rosenstrasse kreuzt, liegen links an der rechten Seite der letzteren die Augenklinik, eröffnet 1885, das pathologische Institut, eröffnet 1889, Zugang Rosen- strasse, an der Bahnhofstrasse links kurz vor der zweiten Brücke das chemische Institut, vollendet 1881, sowie jen- seits der Brücke schräg gegenüber an der rechten Seite das im deutschen Renaissancestil 1884 erbaute kaiserliche Haupt- postamt. Gegenüber dem hessischen Hofe mündet die Bahn- hofstrasse in die Elisabethstrasse, auf welcher wir links am Hotel Pfeiffer vorbei in wenigen Schritten zur Kirche der heiligen Elisabeth gelangen. Einige Stufen führen ab- wärts zum Portal des tiefgelegenen Gotteshauses, welches da- her öfter der Gefahr der Ueberschwemmung durch die bei plötzlichen Regenfällen reissende Marbach ausgesetzt war. Als man die den Kirchplatz schützenden Mauern niedriger gemacht, drang bei einem Wolkenbruch am 3. August 1842 das Wasser des Baches über dieselben hinweg in das Portal ein und rich- tete in dem durch Gräber unterhöhlten Fussboden arge Ver- wüstungen an, deren Spuren indessen durch die stilgerechte Restauration vom Jahre 1860 vollständig wieder getilgt sind.

Keineswegs begünstigt durch seine Lage, ebensowenig impo- nierend durch die Wucht und Mächtigkeit seiner Masse wirkt dieses Bauwerk lediglich durch die keusche Einfachheit seiner Formen, durch die wundervolle Harmonie seiner Teile, in denen die Vermittlung zwischen tragenden und lastenden Massen in künstlerisch vollendeter Weise zur Darstellung gelangt ist. Be- gonnen in einer Zeit, wo die junge Gotik von Frankreich aus ihren Siegeszug durch Deutschland unternahm und gerade im Lahnthal eifrige Pflege fand, wurde der Bau ohne Hast vollendet, aber schnell genug, um den ursprünglichen Plan einheitlich und unbe-