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Zur Geschichte Gießens und seines Umlandes : Aufsätze und Reden / von Erwin Knauß
Entstehung
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stadt engagiert hatte, schon im Dezember 1969 einem schweren Lei- den erlag, blieb der jüdische Vorsitz in der Gesellschaft für christ- lich-jüdische Vergangenheit erneut verwaist. Doch hatte sich bis in die Mitte der 70er Jahre die Zahl der Juden in Gießen und seiner unmittelbaren Umgebung auf ca. 50 Seelen erhöht. Damals bestand eine kleine jüdische Gemeinde in Marburg, der die Gießener Juden or- ganisatorisch angeschlossen waren. Wer jedoch einen jüdischen Gottes- dienst besuchen wollte, mußte nach Bad Nauheim oder Frankfurt in die Synagoge fahren. Zur Gründung einer selbständigen Gemeinde in Gießen oder zur Schaffung eines Raumes für Gottesdienste und Ver sammlungen fehlten der Wille zur Gemeinsamkeit, die geistige Bereit- schaft und der religiöse Anspruch.

Erst im Verlaufe des Jahres 1978 kam es wegen eines engeren Zu sammenschlusses zu Gesprächen unter den Juden in Gießen, auch mit Beteiligung von hier studierenden Israelis, und schließlich auch am 17.9.1978 zur Gründung einer Jüdischen Gemeinde. Dies geschah 36 Jahre nach der gewaltsamen Unterbrechung durch die Deportation der noch verbliebenen Gießener Juden im September 1942. In den Vorstand wurden berufen: der Radiologe Prof. Altaras, der Kaufmann Froim Bermann und der Student Avner Loewinstein. Schon wenige Monate später, am 1.12. 1978, wurde in der Marburger Straße eine 110 qm große Wohnung gemietet, die als Gemeindezentrum dienen sollte. Dort wurde neben der Geschäftsstelle auch ein Betraum eingerichtet, der eine neue Thorarolle enthält.

Die kleine Gemeinde, deren Mitgliederzahl durch die Fluktuation (Auswanderung, Wegzug in die Großstadt usw.) Schwankungen unter- worfen ist, plant ein neues Gemeindezentrum in der Innenstadt, für das die Stadt Gießen dankenswerterweise ein Gelände kostenlos zur Verfügung gestellt hat. Die Gemeinde hat den Status einer Körper- schaft des Öffentlichen Rechts, ist aber organisatorisch selbständig und gehört nicht dem Landesverband der Jüdischen Gemeinden in Hes- sen(mit dem Sitz in Frankfurt) an.

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