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Zur Geschichte Gießens und seines Umlandes : Aufsätze und Reden / von Erwin Knauß
Entstehung
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ge an der Lonystraße ein Gemeindehaus mit einem Betsaal für werk- tägliche Andachten, einem Schulraum, einem Sitzungszimmer sowie ei- nem Vereinszimmer mit Bibliothek und den Dienstwohnungen(42).

Die Anregung zu diesem Bau hatte das Ehepaar Heichelheim anläßlich seiner Silberhochzeit im Jahre 1895 gegeben. Siegmund Heichelheim, Geheimer Kommerzienrat und Leiter eines Bankhauses, war damals Vorsteher der jüdischen Religionsgemeinde. Er förderte den Bau mit einer namhaften Stiftung(43).

Die Synagoge der Religionsgesellschaft in der Steinstraße war ent- sprechend der Gemeindegröße wesentlich kleiner und hatte auch keine zusätzlichen Räume. Der Gottesdienst wurde hier nach den orthodoxen Grundsätzen, d.h. unter strenger Trennung der Geschlechter, ohne Or- gel- und Chorbegleitung mit rein hebräischen Gebeten gehalten(44).

An dieser Stelle sei daran erinnert, daß die Stadt im Jahre 1907 den beiden Gemeinden auf dem Neuen Friedhof eine Leichenhalle mit den nach dem jüdischen Ritual notwendigen Nebenräumen errichtete, in der die Aufbewahrung und rituelle Behandlung der Leichen geschehen konnte(45).

Die kleine Kapelle befindet sich in gutem Zustand und wird bei den gelegentlich stattfindenden jüdischen Beerdigungen auch heute noch benutzt. Die letzte jüdische Beerdigung vor dem"Holocaust hatte hier am 18.9.1942 stattgefunden. Auch auf dem Neuen Friedhof, der im Jahre 1903 eröffnet wurde, gab es seit 1912 getrennte Gräberfel- der für die liberale und die orthodoxe Gemeinde(46).

Im 1. Jahrzehnt des 20. Jh. überschritt die Anzahl der dem israeliti- schen Religionsbekenntnis zugehörigen Einwoöhner die Zahl 1000. Bei einer Einwohnerzahl um 32 000 betrug der Prozentsatz der Juden an der Gesamtbevölkerung stets zwischen 3 und 4% der Gesamtbevölke- rung. Im Jahre 1913, also unmittelbar vor dem 1. Weltkrieg, zählen wir 1035 Seelen in der liberalen Religionsgemeinde und ca. 300 Seelen in der orthodoxen Religionsgesellschaft, wobei allerdings Juden aus unselbständigen Gemeinden der unmittelbaren Nachbarschaft, wie Heu- chelheim, Steinbach u. a. mitgezählt wurden.

Das rege Gemeindeleben und die aktive Sozialarbeit schlagen sich in überzeugenden Zahlen nieder: Schon 1913 bestanden innerhalb der liberalen Gemeinde 9 und bei der orthodoxen Gemeinde 6 Vereine.

Einigen Vereinen, wie dem 1889 gegründeten Verein zur Förderung des Handwerks unter den Israeliten Hessens oder dem 1903 gegründe- ten Verein für jüdische Geschichte und Literatur oder der Ortsgruppe des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens gehörten Mitglieder beider Gemeinden an(47).