kelte Gasse zwischen Mäusburg und Marktstraße hatte früher einen anderen Verlauf als die— nach dem Wiederaufbau der Innenstadt um- gelegte- heutige Rittergasse(37).
Eine zweite jüdische Gemeinde in Gießen
Die während der Jubelfeier des Jahres 1879 deutlich gewordene Tole- ranz und ausgleichende Art Dr. Levis hat dann in seinen letzten Amtsjahren doch nicht verhindert, daß sich in der Mitte der 80er Jah- re ein Teil der Israeliten abspaltete und eine zweite Gemeinde bilde- te.
Es waren in erster Linie die Auseinandersetzungen um Bewahrung oder Reform der orthodoxen jüdischen Lehre in der Gestaltung des Gottes- dienstes und der Sabbatfeier; nicht unwesentlich wurde diese Entwick- lung durch zwei Vorgänge beeinflußt: Durch die verstärkte Einwande-— rung von Juden aus dem Ausland, vor allem aus Rußland nach den schweren Pogromen unter dem Zaren Alexander III. in den Jahren 1881 ff., aber auch durch die zunehmende Bereitschaft von Juden, die formalrechtliche Gleichberechtigung auch existentiell zu sichern, in- dem sie zum Christentum übertraten.
Dazu gibt es einen exemplarischen Fall aus dem Jahre 1894. Der Far- benfabrikant Louis Cohn aus Gießen richtete ein Gesuch an S. K gl. Ho- heit, den allerdurchlauchtigsten Großherzog von Hessen und bei Rhein betr. Namensänderung für seinen 1876 geborenen Schn Hans Cohn. Dieser besuchte das Gießener Gymnasium, stand vor dem Abitur und wollte Naturwissenschaft studieren. Obwohl er zum Christentum über-— getreten war, befürchtete der Vater, daß seinem Sohn der Familien- name"Cohnn in seiner späteren Laufbahn hinderlich sein könnte, da daraus seine jüdische Herkunft ersichtlich sei. Der Antrag- von Frau und Sohn unterschrieben-, den Namen in"Colbert“ zu ändern, wurde genehmigt(38).
Die neue, an Zahl wesentlich kleinere Gemeinde, die Religionsge- sellschaft', schuf sich schon 1888 auf dem oberen Teil des Alten Friedhofs ein eigenes kleines Gräberfeld(39)(das sich erfreulicher- weise bis auf den heutigen Tag erhalten hat), und sie erbaute sich auch in den Jahren 1898- 1900 ihre eigene Synagoge in der Stein- straße Nr. 8(40), schräg gegenüber der heutigen Feuerwache(41).
Nachdem sich schon im Jahre 1890 die Zahl der Juden in Gießen auf über 700 erhöht hatte, erweiterte auch die größere- liberale- isra- elitische Religionsgemeinde“ ihre Synagoge an der Südanlage, in der der jüdische Gottesdienst mit Orgelbegleitung und gelegentlich auch unter Mitwirkung eines gemischten Chores zelebriert wurde., Für die vielfältig gewachsenen sozialen Aufgaben, auf die noch einzugehen ist, und für die in einer israelitischen Gemeinde besonders relevanten kommunikativen Aktivitäten erbaute man sich 1897 hinter der Synago-
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