Druckschrift 
Zur Geschichte Gießens und seines Umlandes : Aufsätze und Reden / von Erwin Knauß
Entstehung
Seite
376
Einzelbild herunterladen

ben den Pflichten des Geistlichen, die Gleichgültigen und Sorglosen zu überzeugen und die Verzweifelten zu beraten, überall, in der Synagoge und aller Orten, wo sich Gelegenheit dazu bot, Toleranz gepredigt. Sie haben die Geister, welche sich wegen religiöser Meinungsverschieden- heit zu bekämpfen suchten, zu versöhnen gewußt, so daß Spaltungen, wie sie in vielen auswärtigen Gemeinden vorgekommen sind und leider noch vorkommen, hier gänzlich ausblieben. Die Angehörigen Ihrer Ge- meinden haben sich trotz der verschiedensten Anschauungen unter die- ser Pflege der Duldsamkeit achten und lieben gelernt, ein Werk, wel- ches nicht hoch genug geschätzt werden kann und für alle ihre gott- gefälligen Handlungen die Krone bildet...(35).

Rabbiner Dr. Levi hielt dann die Festpredigt, die er unter den Psalm- vers stellte:"Preise den Herrn, meine Seele und all mein Inneres sei- nen heiligen Namenn. Er gedachte darin mit bewegten Sätzen des gu- ten Einvernehmens, das in Gießen zwischen den Konfessionen herrschte und lobte die Stadt als einen Ort der Toleranz, wo hohe Bildung und Humanität.eine Heimstatt gefunden hätten. Für die Liebe und Verehrung, die ihm in dieser Stunde zuteil geworden war, dankte er mit herzlichen Worten(36).

Ein Brief, den der Rabbiner am 16. Januar 1880 an den Stadtvorstand richtete, gibt einen bemerkenswerten Einblick in das durch die for- melle Gleichberechtigung doch wesentlich veränderte Verhältnis zwi- schen Christen und Juden.

Die Stadt, bis dahin in vier Quartiere eingeteilt, führte eine neue Numerierung ihrer Häuser durch. Dr. Levi nahm dies zum Anlaß, doch auch über gewisse Straßenbenennungen nachzudenken.

Es heißt in diesem Brief: usie möchten geneigt sein, der, im Neu- städter Quartier gelegenen sog. Judengasse' einen anderen Namen zu erteilen. Seit ich hier bin, also seit mehr denn 50 Jahren, wohnen meine Glaubensgenossen überall in der Stadt, nur nicht in jener Gas- se. Herr Josef Beyfus allein hat einige Jahre zur Miete darin gewohnt, ist aber auch daraus weggezogen. Es wäre an der Zeit, daß aus den Mauern unserer Stadt- mit so humanem Vorstand an der Spitze ein solches mittelalterliches, zweck- und gegenstandsloses Überbleibsel schwinde, das nur geeignet ist, in einem Teil ihrer Einwohnerschaft die unangenehmsten Empfindungen zu wecken. Mit- und Nachwelt Gießens braucht nicht erinnert zu werden, daß es hier jemals ein Getto gegeben hat. Und die Anwohner der Gasse werden die Umtau- fe derselben gewiß gerne vernehmen...II.

Mögen wir heute nach allem, was geschehen ist, vielleicht auch an- ders denken, die Stadt folgte diesem Ersuchen, denn schon kurze Zeit danach wurde die Judengasse in Rittergasse umgetauft. Diese verwin-

376