Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, daß im Juni 1855 in Gießen eine Rabbinerkonferenz stattfand, bei der es um kcollegiale Annäherung der verschiedenen Richtungen des Judentums durch, wie es hieß, u"religiöse, wissenschaftliche und praktisch-religiöse Erörterun- gen“ ging.
Unter seiner geistigen Leitung wurde nicht nur der eigene jüdische Friedhof an der Licher Straße errichtet, sondern auch der Bau einer Synagoge verwirklicht, nachdem man bis dahin einen behelfsmäßigen Gehetsraum in einem jüdischen Haus am Marktplatz benutzt hatte 34).
Die Gemeinde war inzwischen auf ca. 350 Seelen angewachsen, als man 1867 die an der Südanlage neu erbaute Synagoge einweihen konnte. Leider sind uns Berichte der feierlichen Einweihung nicht überliefert, da zum einen die Aktenbestände der jüdischen Gemeinde zu den wenigen Verlusten zählen, die unser Stadtarchiv im 2. Welt- krieg erlitten hat, zum anderen aber die regelmäßigen Folgen der ört- lichen Presse erst im Jahre 1868 beginnen.
Dagegen liefert uns ein Bericht im Gießener Anzeiger vom 30. Sep- tember 1879 zum 50jährigen Amtsjubiläum des Rabbiners Dr. Levi ein treffliches Bild seiner Persönlichkeit. Darüber hinaus gibt uns dieses Dokument einen tiefen Einblick in die veränderte Situation der israelitischen Gemeinde und ihrer gesellschaftlichen Stellung in jener Zeit.
Hier heißt es: uln der festlich geschmückten Synagoe versammelten sich heute morgen 10 Uhr die israelitische Gemeinde, die Delegatio- nen der israelitischen Gemeinden der Provinz Oberhessen sowie die Spitzen der hiesigen Zivilbehörden, der Vertreter des Kreisamtes, der städtischen Behörden, Stadtvorstand, Kreischulinspektor sowie die Geistlichen der evangelischen und katholischen Gemeinde. Seine Königliche Hoheit Großherzog Ludwig IV. hat in Anerkennung der Tatsache, daß Dr. Levi am 1. Oktober 1829 von dem hochseligen Großherzog Ludwig I. das Dekret als Rabbiner der Provinz Oberhessen erhielt, in Anerkennung seiner Verdienste an diesem Jubeltag den Ju- belgreis mit dem Ritterkreuz I. Klasse Philipps d. Großmütigen deko- riert. Der Jubilar wurde am Eingang der Synagoge vom Thoraträger empfangen, welcher ihm die festlich geschmückte Thora überreichte. Vor dem Jubilar gingen Mädchen, welche Blumen streuten. Am Aller-— heiligsten angelangt, wurde vom Gesangverein der Gemeinde Psalm 117 mehrstimmig gesungen.“ Hierauf folgte die Ansprache des 1. Gemein- devorstehers Homberger; aus dieser Festansprache, die das Wesen und Wirken des Rabbiners beleuchtete, darf folgendes zitiert werden:"Sie haben aber noch weit mehr getan, geehrter Herr Doktor, und dieses ist kennzeichnend für das edle Streben und die schönen Ziele, welche Sie sich für Ihren hohen Lebensberuf vorgesetzt hatten. Sie haben ne-
375


