Druckschriften in hebräischer Sprache, die meist von christlichen Druckern hergestellt wurden, sind aus dem 17. und 18. Jh. überliefert und teilweise erhalten(27).
Während in dieser Zeit die Judengemeinde in der Stadt Gießen an Stärke und Bedeutung zunahm, verarmen die Juden in den ländlichen Gebieten Oberhessens im Verlauf des 18. und frühen 19. Jh. immer mehr. Sie bleiben mit Abgaben im Rückstand und können auch das Schutzgeld nicht mehr bezahlen. Die Stadt möchte sie auf keinen Fall in die Mauern lassen. Seit 1748 ging regelmäßig jeden Freitagabend ein Almosenpfleger der jüdischen Gemeinden ans Stadttor und gab dort"Betteljuden, ein paar Münzen, damit sie Sabbat feiern konnten (28). Da seit 1708 in Gießen ein Judeneinzugsgeld von 100 Gulden verlangt wurde, müssen die Juden in der Stadt besser gestellt gewesen sein als ihre Glaubensgenossen im Umland.
Auf dem Weg zur Emanzipation
Gegen Ende des 18. Jh. lebten in Gießen ca. 100 Juden. Mit der Auf- hebung des Leibzolls im Jahre 1805 nahm ihre Zahl rasch zu. Während der Befreiungskriege wurden Juden 1814 zur Landwehr zugelassen; er- ste Lockerungen von der bisherigen Ausnahmegesetzgebung für die Ju- den kündigen sich an: Sie können unter bestimmten Voraussetzungen Immobilien erwerben und bekommen auch Zugangsrecht zu gewissen Zünften.
Die Bedingungen für den Erwerb der Staatsbürgerschaft blieben aber auch jetzt nur schwer zu erfüllen: Inländische Juden mußten 4000, ausländische 8000 Gulden Vermögen nachweisen, für die damalige Zeit eine ungeheuer hohe Summe. So blieb auch nach 1815 die Masse der jüdischen Bevölkerung im Status des Schutzjuden mit kleineren Er- leichterungen, aber nach wie vor unter demütigenden Ausnahmerege- lungen(z. B. kein aktives oder passives Wahlrecht), die erst 1848 bzw. 1869 endgültig wegfielen(29). Andererseits sind gerade in Hessen- Darmstadt schon im Vormärz ernsthafte Versuche gemacht worden, die Lage der ulsraeliten“ zu verbessern, indem man sie z.B. bei der Anstellung von Lehrern finanziell unterstützte oder zur Erlernung eines Handwerks ermunterte(30).
Eine besonders interessante Entwicklung nahm das Verhältnis von Ju— den und Christen in den adeligen Gebieten der alten Landgrafschaft Hessen-Darmstadt zwischen der Mitte des 17. und der Mitte des 19. Jh. Sie kann hier nicht erörtert werden, aber es sei darauf hingewie- sen, daß die hessische Landjudenschaft dort eine echte Überlebens- chance in der Zeit bekam, als der Landgraf ihre Vertreibung betrieb.
In der Stadt Gießen hatte sich die Zahl der jüdischen Bürger bis 1825 auf ca. 200 erhöht. Zwischen 1810 und 1826 werden die Rabbiner Löb
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