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Zur Geschichte Gießens und seines Umlandes : Aufsätze und Reden / von Erwin Knauß
Entstehung
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Herausbildung einer jüdischen Gemeinde

Erst 1687 werden in Gießen- wie in anderen hessischen Städten um diese Zeit- wieder Juden erwähnt(19). Dies hing zweifellos mit dem Regierungsantritt des Landgrafen Ernst Ludwig zusammen, der die harte Judenpolitik seines Vorgängers nicht fortsetzte.

Die sozialen und gesellschaftlichen Verhältnisse jener Zeit, die ja Ju- den von fast allen möglichen Berufen zwangsweise fernhielten, mach- ten verständlich, daß die Juden schnell wieder vom Land in die Städte strömten, wo sie ihr Leben besser fristen konnten.

In einer Aufstellung des Jahres 1713 werden im Oberfürstentum(= Hessen-Darmstadt nördlich des Mains bis ins sog. Hinterland) 120- dische Schutzgeldzahler aufgeführt, darunter 44 im Amt(nicht in der Stadt) Gießen. In dieser Zeit sind jene Juden nicht aufgeführt, die sich in den Schutz adeliger Gerichtsherren begeben hatten. Darüber hinaus gab es sicher auch Juden, die unregistriert und damit ohne Schutzbrief im Lande lebten. Ein im Stadtarchiv erhalten gebliebenes Bürgerverzeichnis von 1719 zählt 13 Juden, von denen 9 als Untermie- ter aufgeführt sind(20). Im Jahre 1728 ist die Zahl der Juden auf ca. 70 Seelen gestiegen(21). Wenn die Beedrechnung(Beede= Land- steuer) aus Gießen vom Jahre 1725 nur 10 Juden aufführt(22), so zeigt das eigentlich nur, daß die Juden in Gießen zumeist arm sind und daher zur Beede nicht herangezogen wurden.

Aus all dem darf geschlossen werden, daß zwischen 1715 und 1725 in Gießen wieder eine jüdische Gemeinde entstanden ist. Die Stadtrech- nung von 1732 nennt 13, diejenige von 1740 schon 22 Juden, die als Beisassen, d.h. unicht besitzende Bürger Beede in unterschiedlicher Höhe zahlen müssen(23). Alle diese Juden erhielten vom Landesherren eine Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis, die sich meist auf den Klein- handel beschränkt. Sie wohnen nach den städtischen Akten, die für jene Zeit in breiterem Umfang vorhanden sind, nicht mehr nur in der Judengasse, sondern verstreut in der Stadt, und in der 2. Hälfte des 18. Jh. haben einzelne auch Hausbesitz erworben(24).

Wie das so geht unter Menschen: Es gab um diese Zeit auch schon Zwistigkeiten in der jungen Gemeinde, denn ein Rabbiner Michael Berr mußte 1728 eine Verordnung wegen des Unfriedens unter den Gießener Juden erlassen(25).

Nicht unerwähnt darf bleiben, daß die Universität Gießen am 18. April 1697 mit"Abraham Heymanns, Hebraeus ex Mannheim den er- sten Juden immatrikulierte. Wenig später im Jahre 1710 konnte Meyer Löw aus Vetzberg als erster Jude seine medizinische Promotion beste- hen(26).

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