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Zur Geschichte Gießens und seines Umlandes : Aufsätze und Reden / von Erwin Knauß
Entstehung
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Im universitären Bereich mobilisierte der 1881 gegründete Verein Deutscher Studenten(VDST) immer stärker die akademische Jugend, die sich nach 1815 und auch noch 1848 für liberale und demokratische Ideale eingesetzt hatte, für nationalistische Ziele. Seine Ziehväter wa- ren Adolf Stoecker und Heinrich v. Treitschke. Von Beginn an war diese Studentenverbindung antisemitisch orientiert, trug stolz die Far- ben des Kaiserreiches schwarz-weiß-rot und gehörte zu den 17 Ver- bänden, die bereits vor dem Ersten Weltkrieg ein Blutbekenntnis nichtjüdischer Abstammung forderten.

Von den zahlreichen übrigen Organisationen, die mehr oder weniger intensiv den Antisemitismus wackigehalten haben, sei hier abschließend noch der Alldeutsche Verband erwähnt. Gegründet 1891 unter Mitwir- kung des Industriellen Alfred Hugenberg, der als Vorsitzender der völ- kisch-antisemitischen Deutschnationalen Volkspartei(DNVP) in der Endphase der Weimarer Republik(1931) mit der NSDAP dieHarzbur- ger Front schuf und Hitlers Machtergreifung mit Hilfe seines Presse- konzerns ganz wesentlich förderte, wurde der Alldeutsche Verband ein Kampfbund für einen radikalen Nationalismus und Imperialismus. Er hatte keine Massenbasis wie der BDL oder der DHV, aber seine Mit- glieder waren in der Mehrheit Professoren, Lehrer aller Schularten, Beamte und Schriftsteller, die in der Lage waren, dem Verband Publi- zität und Ansehen zu verschaffen. Als der Rechtsanwalt Heinrich Class im Jahre 1908 den Vorsitz im Alldeutschen Verband übernommen hat- te, richtete er ihn streng antisemitisch aus und versuchte, ihn zu ei- nem Zentrum völkischer Ideologie zu machen. Unter dem Pseudonym Daniel Frymann legte er kurz nach der Reichstagswahl von 1912- veranlaßt durch den Erfolg der SPD, die stärkste Fraktion geworden war- in dem Buch uWenn ich der Kaiser wär thesenartig fest, was zu geschehen hätte, um die"Fehlentwicklungen der deutschen Politik im inneren und äußeren Bereich zu stoppen. Seine Auslassungen gipfelten in der Behauptung, alle Krisen seien ausnahmslos von Juden herbeigeführt worden, darum müßte jede Kurskorrektur mit einschnei- denden Restriktionen gegen die Juden beginnen.

Trotz eines scheinbaren Aufbäumens bei der Reichstagswahl von 1907, die von einem grenzenlosen Chauvinismus bestimmt war und als Hot- tentottenwahl in die Geschichte eingegangen ist7, hatte der poli- tische Antisemitismus als eigenständige Kraft in den letzten Jahren vor dem Ersten Weltkrieg kaum noch sichtbare Wirksamkeit. Die Er wartung, daß sich aus den antisemitischen Parteigruppierungen eine große mittelständische Partei bilden könnte, hatte getrogen. Dafür gingen die Interessen wie die Ideologien ihrer Anhänger zu weit aus- einander. Als Protestbewegung gegen vermeintliche oder reale Fehl- entwicklungen der Zeit war man relativ einig, aber meist nur in der Negation. Auf dieser Basis aber ließ sich auf Dauer keine konkrete

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