Politik betreiben, und das Scheitern des Parteiantisemitismus ist neben den bereits erörterten Gründen auch daraus zu erklären.
Dies kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß Judengegnerschaft als Gesinnung durch die Wirksamkeit der Partei- und Verbandsanti- semiten sehr weit in das Bewußtsein großer Teile des deutschen Vol-— kes eingedrungen war. Viele Menschen waren so indoktriniert, daß sie sich rationalen Argumenten gegenüber verschlossen, wenn es um die Judenfrage ging. Hier wird deutlich, daß im letzten Grund die Juden-— frage des Kaiserreichs und alles, was sie nach sich gezogen hat, ein Problem der Nichtjuden gewesen ist, der Menschen nämlich, die durch die rasanten Veränderungen des staatlichen und gesellschaftlichen Le— bens verunsichert waren, die die Aufgaben der Zeit nicht anders zu bewältigen wußten, als in der Frontstellung gegen eine Winderheit, die man für vieles verantwortlich machen konnte und auf deren Rücken man eigenes Versagen ablud.
Indem man den Antisemitismus auf eine intellektuelle Ebene hob, machte man ihn dem Anschein nach verständlicher und zivilisierter, in Wahrheit aber doch gefährlicher und totalitärer. Mit pseudowissen- schaftlichen Theorien(z. B. UÜberlegenheit der germanischen Rasse oder Am deutschen Wesen soll die Welt genesen“) hatte man den Anti- semitismus auch mit dem mächtig wachsenden Nationalismus und Im-— perialismus der Zeit in Einklang gebracht. Wie stark und folgenschwer dies alles auf die jüngste deutsche Geschichte eingewirkt hat, haben wir alle schmerzlich erfahren müssen.
Anmerkungen
1 Siehe die Ergebnisse ausgewählter nordhessischer Reichstags- wahlkreise von 1878- 1907 am Schluß des Aufsatzes.
2 Die Hessische Rechtspartei trat- mit sehr geringer Resonanz—
im nordhessischen Raum als Gegner der preußischen Annektion von 1866 für ein selbständiges Kurhessen ein.
3 Das Wahlrecht zum Deutschen Reichstag der Kaiserzeit be-— stimmte, daß ein Mandat im 1. Wahlgang nur mit absoluter Mehrheit gewonnen werden konnte; im 2. Wahlgang, der meist wenige Wochen später folgte, traten die beiden Bewerber mit den meisten Stimmen noch einmal gegeneinander an, wobei es nicht selten zu eigenartigen Bündnissen kam.
4 Zwei weitere Schriften Böckels waren:"Die Juden, die Könige unserer Zeit“, Cassel 1886(Auflage ca. 1,5 Millionen!) und Die Quintessenz der Judenfrage“, Marburg 1887. Capistrano war ein Franziskanermönch, der während der Hussitenkriege (1419- 1436) in Schlesien gegen die Juden kämpfte.
5 Helmut v. Gerlach, Von Rechts nach Links, Zürich 1937, S. 114.
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