Auslösendes Signal für eine Judenfeindschaft außerhalb der eigenstän- digen Antisemitenparteien war der unheilvolle Beschluß des Tivoli- Parteitags' der Altkonservativen am 8.12.1892:"Wir bekämpfen den vielfach sich vordrängenden und zersetzenden jüdischen Einfluß auf un- ser Volksleben.“ Er wies für die politische Gesamtentwicklung Deutschlands in die Zukunft, denn er machte den Antisemitismus nunmehr hof- und gesellschaftsfähig und trug ihn auf verschiedenen Wegen in breiteste Kreise des deutschen Volkes. Wesentlichen Anteil an dieser folgenschweren Entwicklung hatte die Gründung verschiede- ner Interessenverbände, die sich im parteipolitischen Spektrum meist eng an die Konservativen anlehnten, aber in ihrem eigenen Wirkungs- bereich starke antisemitische Tendenzen vertraten.
Der einflußreichste Verband dieser Art war der 1893 gegründete antiliberale und antisozialistische Bund der Landwirte“(BdL.), der von Beginn an von einem wirtschaftlich motivierten Antisemitismus ge- prägt war und bald zur neuen Massenbasis der Konservativen wurde. Er trat mit massiver Agitation gegen Kapitalismus und Internationa- lismus auf und bediente sich im Rahmen national-konservativer Leit- bilder auch zunehmend antijüdischer Klischees: vom altbewährten Vor- wurf des Judenwuchers bis hin zu pseudowissenschaftlichen Argumen- ten religiöser und rassistischer Aft.
Was der BdL im Dienste des Konservativismus in den ländlichen Ge— bieten darstellte, das war für die städtische Bevölkerung der Deutschnationale Handlungsgehilfen-Verband'(DHV), der vielfach in enger Zusammenarbeit mit führenden Vertretern der Antisemitenpar- teien operierte. In seinem Namen drückte sich aus, daß der Verband weder vaterlandslose Gesellen’ wie die Sozialdemokraten in seinen Reihen haben wollte noch völkische oder religiöse Minderheiten, vor allem keine Juden oder Ausländer mit ihren internationalen Beziehun- gen. Trotz seiner elitären Organisation(auch Frauen waren ausge- schlossen) wurde der Verband bald nach der Jahrhundertwende zu ei- ner der mitgliederstärksten Berufsgruppierungen, der sich in einen be-— wußten Gegensatz zu den Gewerkschaften stellte, weil er die hierar- chisch-obrigkeitliche Ordnung bejahte. Wie wirksam die Judenfeind- schaft in diesem Verband gepflegt und weiter getragen wurde, zeigt sich in der Person des Antisemiten Wwilhelm Schack, der den Deutschnationalen Handlungsgehilfen-Verband seit 1896 führte und so geschickt aufbaute, daß er um 1910 bereits über 100 000 Mitglieder zählte. Schack selbst wurde 1905 in einer Nachwahl in Eisenach- ei- nem der nordhessischen Bevölkerungsstruktur ähnlichen Wahlkreis— in den Reichstag gewählt. Dort schloß er sich an Liebermann v. Sonnen- bergs Deutschsoziale an, mußte aber schon bald nach der Wahl von 1907 wegen eines Sittlichkeitsverbrechens aus dem öffentlichen Leben ausscheiden.
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