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Zur Geschichte Gießens und seines Umlandes : Aufsätze und Reden / von Erwin Knauß
Entstehung
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Frankenberg) Otto Böckel, in Kassel 6(Hersfeld/Rotenburg) Ludwig Werner, in Hessen 1(Gießen/Nidda) Philipp Köhler, in Hessen 3(Als feld/Lauterbach) Oswald Zimmermann, später Bindewald und im süd hessischen Raum noch im Wahlkreis Hessen 6(Bensheim/Erbach) ein weiterer antisemitischer Kandidat. In einer Nachwahl des Jahres 1895 wurde auch der Wahlkreis Waldeck/Pyrmont von einem Antisemiten gewonnen.

Böckel befand sich zu dieser Zeit auf der Höhe seines politischen Wirkens. Er erzielte bereits im 1. Wahlgang 4000 Stimmen mehr als sein konservativer Konkurrent und hatte auch in der Stichwahl keine Mühe, seine Stimmenzahl nochmals beträchtlich zu erhöhen. Seine Po- pularität und seine Führerrolle schienen unangefochten.

Der Niedergang des politischen Antisemitismus und seine Gründe

Unter dem Zwang, eine Fraktion nur mit 15 Abgeordneten bilden zu können, schlossen sich die 16 Antisemiten im Reichstag in lockerer Form zusammen. Ein Jahr später vereinigten sich dann auf einer De- legiertenkonferenz in Eisenach im Oktober 1894 Böckels Deutsche Reformpartei, die Deutsch-Soziale Partei' Liebermanns und die un- bedeutende Norddeutsche Vereinigung zur Deutsch-Sozialen Reform- partei. Doch auch dieses Zweckbündnis zerfiel wieder, nachdem der bis dahin extremste Antisemit Ahlwardt ausgeschlossen werden mußte und auch Böckel wegen persönlicher und finanzieller Schwierigkeiten zum Rücktritt gezwungen wurde.

Der in Parteien organisierte Antisemitismus verlor gegen Ende des Jahrhunderts an Attraktivität; die Stimmenzahlen stagnierten, die Ab- geordnetensitze gingen leicht zurück, so daß trotz aller Versuche nie mehr erreicht wurde- wenn man dabei von den Verbindungen mit den selbständigen Bauernparteien absieht-, als daß man Fraktionsstärke hatte und damit parlamentarisch wirksamer werden konnte.

Es hatte sich gezeigt, daß die brennenden politischen Probleme der Zeit, auch in der Phase tiefster wirtschaftlicher Depression, nicht al- lein dadurch zu lösen waren, daß man die Juden bekämpfte. Hinzu kam, daß die Agitation vor allem der radikalen Antisemiten oft For- men annahm, die abstoßend wirken mußten; aber auch schon der demagogische Versuch, alles Unangenehme und Widrige als jüdisch zu verketzern, konnte nur noch in eingeschränktem Maße erfolgverspre chend sein.

Entscheidender für das langsame Absinken des politischen Antisemi- tismus waren die ständigen Richtungskämpfe zwischen den radikal völ- kischen und den mehr konservativen bzw. Christlich-sozialen Anti- semiten, die noch durch die zweifelhaften Persönlichkeitsstrukturen

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