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Zur Geschichte Gießens und seines Umlandes : Aufsätze und Reden / von Erwin Knauß
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vieler ihrer führenden Leute verstärkt wurden. Helmut v. Gerlach, ein aus dem Junkertum stammender ehemaliger Anhänger Stoeckers und ursprünglich(bis 1896) aktiver Antisemit, der sich 1898 der national- sozialen Bewegung Friedrich Naumanns anschloß und 1903 das Reichs- tagsmandat im Wahlkreis Marburg/Kirchhain gewann, schrieb in seinem autobiographischen politischen Testament:

Unter den antisemitischen Führern habe ich nur wenig wirklich an- ständige Leute kennengelernt, und die, deren Charakter ohne Makel war, waren wissenschaftlich so ungebildet, daß mich jungen Menschen die Empörung packte, wenn ich Gelegenheit hatte, sie aus der Nähe zu beobachten. Demagogen waren sie alle, die einen wider besseres Wissen, die anderen infolge mangelnden Wissens. Vom Antisemitismus haben mich weniger die Juden als die Antisemiten abgebracht."

Der Mangel an politischer Orientierung wurde auch dadurch verstärkt, daß man nicht klar definieren konnte, wer als Jude anzusehen war. Ein Antijudengesetz vorzulegen, wie es Hitler 1935 in Nürnberg dik- tatorisch verfügte, wagte man nicht, da man sich der Ablehnung im Reichstag gewiß war; und den relativ jungen Begriff des Völkischen bzw. der Rasse konnte man nicht auf dem Verordnungswege in das Bewußtsein des Volkes heben.

Als die Zahl der antisemitischen Reichstagsabgeordneten im Jahre 1898 auf unter 15 sank und damit keine Fraktionsstärke mehr erreichte, nahmen auch die Richtungskämpfe untereinander erneut zu, und von der Jahrhundertwende an stehen wieder mehrere Gruppierun- gen nebeneinander. Als zu Beginn des Jahres 1903 das Parlament ge- schlossen wurde, hatten die Antisemiten noch 12 Abgeordnete im Reichstag. Mit nur 9 Mandaten kehrten sie zurück; davon zählten sich die 3 hessischen Vertreter Liebermann v. Sonnenberg(Fritzlar/Hom- berg), Lattmann(Kassel/ Melsungen) und Graf Reventlow(Hofgeismar/ Rinteln) zur Deutsch-Sozialen Partei, 4 weitere, darunter Werner (Hersfeld Hünfeld), zur Deutsch-Sozialen Reformpartei. Daneben gab es in Wahlkreisen ostwärts der Oder zwei Abgeordnete vom Deut- schen Volksbund, der sich zu den Antisemiten rechnete.

Nach 1903 taten sich die Parteiantisemiten meist mit Vertretern des Mittelstandes und verschiedener Bauernparteien zusammen. Ein Zu- sammenschluß, der bis zum Ausgang des Deutschen Kaiserreiches Be- stand hatte, war die Wirtschaftliche Vereinigung!., Ihr gehörten neben den Deutsch-Sozialen und den Christlich-Sozialen auch die Abgeordne- ten des Bundes der Landwirte und verschiedene andere Bauernbünd- ler an. Doch spielte in dieser lockeren Vereinigung der Antisemitis mus nur noch eine geringe Rolle, zumal sich die radikaleren Antise- miten der Deutschen Reformpartei diesem Bündnis nicht anschlos- sen.

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