die antisemitischen lIdeen so empfänglich wie gerade in Hessen, be— sonders in Oberhessen.“
Gleichzeitig mit dieser intensiven Propaganda ging im Zuge der End-— phase der großen Depression der 70er Jahre nun zu Beginn des letzten Jahrzehnts des 19. Jh. eine weitere Wirtschaftsflaute einher. Für die ländliche Bevölkerung wurde die Lage noch durch eine Agrarkrise ver— schärft, die im Jahre 1893 ihren Höhepunkt erreichte.
Der politische Antisemitismus auf seinem Höhepunkt
Im Dezember 1892 gelang der antisemitischen Bewegung ein Erfolg, der nicht nur wirkungsvoller war als gelegentliche und meist auch regional begrenzte Wahlsiege, sondern der vor allem durch seine Brei-— tenwirkung unheilschwanger in die Zukunft wies: Auf einem Parteitag der Konservativen in den Berliner Tivoli-Sälen wurde auf Drängen der Vertreter des Mittelstandes und der Bauern und entgegen dem ur— sprünglichen Entwurf der Antisemitismus offiziell in das Programm dieser großen alten Partei aufgenommen, die dem Kaiser am nächsten stand und die maßgeblichen Stellen im Staat besetzte. Dieser erstaun- liche Durchbruch in einer Partei, in deren Programmentwurf bis dahin der Satz stand:"Wir verwerfen die Ausschreitungen des Antisemitis- musn, gelang, weil die radikalen Antisemiten immer stärker vom Kon— servatismus abfielen, ja ihre Kandidaten wie Böckel und Liebermann v. Sonnenberg sogar gegen Konservative im direkten Vergleich siegten. An dieser Wende“ der Konservativen Partei, die auf Grund des abso-— luten Mehrheitswahlrechts im Jahre 1890 mit 72 Abgeordneten hinter dem Zentrum(106) zweitstärkste Fraktion des Reichstags war, hatte der von Kaiser Wilhelm II. als Hofprediger entlassene Adolf Stoecker erheblichen Anteil, da er aus der Zeit seiner Berliner Bewegung“ noch über eine große Anhängerschaft an der Basis verfügte.
Inzwischen hatten sich die der Deutschen Reformpartei“ nahestehen- den Reformvereine unter dem Eindruck der Wahlerfolge von 1890 an Böckels Antisemitische Volkspartei“ angeschlossen; Böckel kam dem entgegen und nannte seine Partei nunmehr wieder Deutsche Reform-— partei'. Mit ihr zog er in die Reichstagswahl vom Juni 1893, in der es dem politischen Antisemitismus gelang, 16 Abgeordnete in den Deut- schen Reichstag zu bringen. Ihre Stimmenzahl hatte sich von 48 000 auf 264 000, d.h. um über 450% erhöht. Von den 16 Mandaten rech- neten sich die Böckelanhänger 11 zu, während Liebermanns Deutsch-Soziale 5 Sitze errangen. Allein in Hessen wurden 7 Antise-— miten gewählt, und zwar in Kassel 1(Rinteln/Hofgeismar) Ludwig Werner bzw. in einer Nachwahl Dr. König, in Kassel 3(Fritzlar/ Homberg) Liebermann v. Sonnenberg, in Kassel 4(Eschwege/Schmal- kalden) Leuß bzw. in einer Nachwahl Iskraut, in Kassel 5(Marburg/
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