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Zur Geschichte Gießens und seines Umlandes : Aufsätze und Reden / von Erwin Knauß
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Weiterentwicklung des antisemitischen Parteienspektrums

Unter gewissen Schwierigkeiten brachte man Anfang Juni 1889 in Bo- chum noch einmal- das letzte Mal- eine Versammlung aller Juden- gegner von Stoecker bis Böckel mit ca. 250 Abgesandten aus über 100 Orten zustande. Aber die erhoffte Einigung blieb aus. Zunächst ver- ständigte man sich über ein Kompromißprogramm, das aber wegen seiner Forderung nach Beschränkung der staatsbürgerlichen Rechte für die Juden von den christlich-sozialen Anhängern Stoeckers abgelehnt wurde. Der Streit um den Namen schließlich führte zur Trennung der demokratischen Antisemiten unter Böckel von den konservativen Anti- semiten Liebermann v. Sonnenbergs, der unmittelbar danach die Deutsch-Soziale Partei gründete. Ein Jahr später, im Juli 1890, gab Böckel seiner Gruppe auf einem Parteitag in Erfurt den Namen Anti- semitische Volkspartei", nachdem er bei den Reichstagswahlen 1890 nicht nur sein eigenes Mandat in Marburg mit absoluter Mehrheit und Erhöhung seiner Stimmenzahl um 20% wieder gewann, sondern auch drei seiner engsten Anhänger, nämlich Oswald Zimmermann im Wahl- kreis Alsfeld/Lauterbach, Ludwig Werner in Rinteln/Hofgeismar/Wolf- hagen und Pickenbach in Gießen/Nidda Reichstagsmandate erringen konnten- wenn auch erst in der Stichwahl. Für die Deutsch-Sozia- len war der Wahlausgang enttäuschend. Lediglich Liebermann v. Son- nenberg konnte im Wahlkreis Fritzlar/Homberg/Ziegenhain ein Mandat gewinnen.

Unter insgesamt 397 Abgeordneten des Reichstags nahmen sich 4 bzw. 5 Antisemiten bescheiden aus, und von über 7 000 000 Wählern hatten nur 48 000 für antisemitische Kandidaten gestimmt. Doch wurde der Einzug von 5 ausgesprochen antisemitischen Abgeordneten als ein gro- ſer politischer Erfolg gefeiert und zu einem intensiven Propaganda- feldzug genutzt. Sowohl die Deutsch-Sozialen wie die Böckelanhänger verbreiteten ihre Ideen in Wort und Schrift mit beträchtlichem Auf- wand. Eine besondere Rolle spielte schon in dieser Zeit der radikale Antisemit Theodor Fritsch, wegen des von ihm zu Zwecken juden- feindlicher Agitation 1887 gegründeten Hammer-Verlages auch Ham- mer-Fritsch genannt. Sein im gleichen Jahr erschienener Anti- semiten-Katechismus', der als Handbuch der Judenfrage bis 1944 noch über 40(!) Auflagen erleben sollte, fand weite Verbreitung. Er überlebte fast alle anderen Vorkämpfer des politischen Antisemi- tismus und stand bei den Nationalsozialisten in hohem Ansehen. Als Reichstagsmitglied der NSDAP ist er kurz nach deren Machtergreifung gestorben.

In seinem Antisemiten-Katechismus lesen wir zur Situation der völ- kischen Antisemiten im letzten Jahrzehnt des 19. Jh.: Nirgends im ganzen Reich erwies sich die Masse der Bevölkerung für

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