Deutschen Antisemitischen Vereinigung“(DAV). Zielbewußt und ener- gisch betrieb er seine Kandidatur für die Reichstagswahl 1887. Mit bis dahin völlig ungewöhnlichen Methoden führte er einen massiven, zweieinhalb Monate dauernden Wahlkampf mit Versammlungen in allen Orten seines Wahlkreises, mit ganzseitigen Zeitungsannoncen, Flugblät-— tern und Plakaten, die vor der Verunglimpfung seiner Gegenkandidaten nicht haltmachten. Unterstützt wurde dieser Propagandafeldzug von der eigenen Wochenschrift, dem Reichs-Herold', die ihn und seine Ideen landauf, landab bekannt machten, weil die weite Verbreitung der Zeitschrift nicht nur durch die vorwiegend landwirtschaftliche Thema- tik erreicht wurde, sondern auch dadurch, daß den Abonnenten unent-— geltliche Rechtsauskunft, kostenloses Annoncieren und billigere Versi-— cherungen gegen Hagel und Feuer sowie günstigere Einkaufs- und Absatzmöglichkeiten zugesichert wurden. War für Böckel der Anti-— semitismus in erster Linie eine Wiedergeburt des reinen, unverfälsch- ten deutschen Wesens, so entsprang die angeheizte Judenfeindschaft der Kleinbürger und Bauern seines noch weitgehend ländlich struktu— rierten Wahlkreises einer anderen Wurzel, nämlich ihrer wirtschaftli- chen Notlage, die sie zum großen Teil dem jüdischen Wucher zu— schrieben und eigenes Versagen sowie die dem Bauernstand widrigen Zeitumstände dabei übersahen. Für sie war die soziale Frage von der Judenfrage nicht zu trennen, und Böckels antisemitische Agitation traf auf den denkbar empfänglichsten Boden.
Trotz dieser günstigen Voraussetzungen wirkte Böckels Wahlsieg sensa- tionell, vor allem, weil er ohne und gegen die- bisher in diesem Wahlkreis dominierenden- Konservativen errungen worden war; mit seiner Wahl war auch der Bruch zwischen konservativen und antikon-— servativen Antisemiten endgültig vollzogen, und Böckel verschärfte jetzt seinen Kampf gegen Judengegner christlich-sozialer Prägung wie Stoecker und konservativer Grundhaltung wie Liebermann v. Sonnen- berg. Auch im übrigen politischen Bereich entfernte sich Böckel von konservativen Einstellungen, so in seiner Polemik gegen"Junker und Pfaffen“, seiner Forderung nach allgemeinem und gleichem Wahlrecht auch für die Landtage, seinem Eintreten für demokratische Grund-— rechte wie Presse- und Redefreiheit und seinem Kampf für einen großdeutschen Einheitsstaat.
Böckels politischer Rundumschlag! brachte ihn im Reichstag in eine spürbare Isolation, da er von den Konservativen gehaßt, vom katholi- schen Zentrum verachtet und von den rechten und linken Liberalen nicht ernst genommen wurde; seinen seltenen Reden hörte kaum je— mand aufmerksam zu. So erkannte er bald, daß nur durch eine ge— schlossene und einige Partei für die nächste Reichstagswahl 1890 die Sache des Antisemitismus zum Erfolg geführt werden könne, und er drängte nun mit Macht auf eine solche Parteigründung.
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