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Zur Geschichte Gießens und seines Umlandes : Aufsätze und Reden / von Erwin Knauß
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dort zu einem ernsten Problem geworden war, wo weder der Staat durch soziale Maßnahmen oder Gesetze eingriff noch die Bauern durch Selbsthilfeorganisationen schon so weit waren, ihre schwierige Lage zu meistern. In Nieder- und Oberhessen fehlte den jüdischen Kreditge- bern und Viehhändlern weithin die Konkurrenz, so daß es zeitweise zu brutaler Ausnutzung bäuerlicher Notstände kam, die in den antisemi- tischen Kampfschriften als Güterschlächterei bezeichnet wurde. S0 standen sich vielerorts Bauern und jüdische Händler mißtrauisch und distanziert gegenüber, und die latent seit Jahrhunderten vorhandene Judenfeindschaft, die bisher aus vorwiegend christlichem Gedankengut gespeist worden war, erhielt neue Nahrung. Ein geschickter Demago- ge, ein geschliffener Redner, ein gewiefter Taktiker, der es verstand, sich mit den brennenden Problemen des Landvolkes zu identifizieren, ein Mann, der alle diese Eigenschaften in sich vereinte, ein solcher Mann war Dr. Otto Böckel. Er wurde für mehrere Jahre der uwahre Bauernkönig Hessens, wie ihn begeisterte Anhänger nannten, dem Mütter bei Volksversammlungen ihre kleinen Kinder entgegenhielten und riefen:"Seht euch den Mann an, das ist unser Befreier!

Dr. Otto Böckel und seine antisemitische Bewegung

Im Jahre 1859 als Sohn eines Bauunternehmers in der Großstadt Frankfurt geboren, widmete sich Otto Böckel nach abgebrochenem Ju- rastudium der Volkskunde und betrieb eine eifrige Volksliedforschung in Oberhessen, insbesondere zwischen den beiden Universitätsstädten Gießen und Marburg auf dem flachen Lande. Aus dieser Beschäfti- gung, die durchaus wertvolles Liedgut erhalten hat, erwuchs eine schwärmerische Liebe zu Heimat und Bauerntum und gleichzeitig eine Sehnsucht nach einer deutsch-völkischen Weltanschauung. Nach dem Studium der antisemitischen Kampfschriften eines Marr, Glagau und Dühring und gewissen'Schlüsselerlebnissen' in seiner Umwelt, die ihn mit der Judenfrage konfrontierten, wurde der Antisemitismus auf Jah- re hinaus sein Lebensinhalt.

Schon 1883 schrieb er seine erste antisemitische Kampfschrift Die europäische Judengefahr!. In der zweiten Hälfte des Jahres 1885 be- gann er eine umfangreiche journalistische Tätigkeit unter Vernachläs- sigung seines Berufs als Bibliothekar. Seine Artikel erschienen in Theodor Fritschs Antisemitischer Correspondenz', im Reichsgeldmo- nopol des Ludwig Werner und auch in der bis Anfang 1886 bestehen- den Mainzer Wucherpille unter dem bezeichnenden Decknamen Dr. Capist rano. 4

Unter Böckels maßgeblichem Einfluß bildete sich im August 1886 auch in Marburg ein Reformverein und im Oktober 1886 in Kassel eine hessische Antisemitenpartei, zunächst noch unter dem Dach der

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