Landesherren, die Landgrafen von Hessen-Kassel und Hessen-Darm- stadt, hatten die Juden mehrfach ihres Landes verwiesen, vor allem, wenn sie sich der"Zwangstaufe“ widersetzten und das ſcuius regio, eius religio' nicht mitmachen wollten. Adelige Grund- und Gerichts- herrschaften oder reichsunmittelbare Territorialherren aber nahmen die Vertriebenen als Schutzjuden! gerne auf, weil das zusätzliche Steuereinnahmen versprach. Das zähe Festhalten an ihrem hergebrach- ten Glauben und ihrem religiösen Kult gab der jüdischen Minderheit Zusammengehörigkeitsgefühl gegenüber einer Umwelt, die sie fremd, andersartig und teilweise auch in der Sprache als unterschiedlich empfand. Bis um 1900 war der geschlossene Charakter der Judenge- meinden, vor allem auf dem Lande, noch unzerstört. Die Spannungen im wirtschaftlichen und sozialen Bereich zwischen der jüdischen Land- bevölkerung und ihrer christlichen Umwelt waren auch im 19. IJh. kei- neswegs geringer geworden. Die Aufhebung der Hörigkeit hatte einen großen Teil der Bauern in Schulden gestürzt, da sie hohe Ablösegelder an die bisherigen Grundherren zu zahlen hatten. Mit der Selbstverant- wortung ihrer materiellen Situation aber kamen viele nicht zurecht. Mit der zunehmenden Liberalisierung des Handels wurde der Kampf ums Dasein härter, zumal sich Mißernten einstellten und die in eini- gen Gebieten Hessens übliche Realteilung beim Erbrecht einer produk- tiven Landwirtschaft nicht gerade günstig war.
Die Juden jedoch, nach wie vor von Landbesitz und bürgerlichen Beru- fen weitgehend ausgeschlossen, boten sich den Bauern als Händler, Kreditgeber und Helfer in finanziellen Fragen an, denn sie hatten sich dem harten Existenzkampf von jeher stellen müssen und brachten die Erfahrung und die in Jahrhunderten gereifte Begabung mit, sich wirt- schaftlich durchzusetzen.
Da die christliche Gesellschaft ihnen die erstrebte Gleichstellung nur sehr zögernd zugestand und sie rechtlich und sozial unterprivilegiert blieben, hatten sie auch keine Skrupel, ihre wirtschaftliche Überlegen- heit auszunutzen. Empörung und Aufruhr verschuldeter und- oft ohne eigenes Versagen- in Not geratener Bauern machte sich daher nicht nur Luft gegenüber den ehemaligen adeligen Grundherren, sondern richtete sich zuzeiten auch gegen Juden, von denen man sich ausge-— beutet fühlte. Da gerade in Mittel- und Nordhessen der Handel mit landwirtschaftlichen Erzeugnissen und Gerätschaften sowie das Kredit- geschäft fast ausschließlich in den Händen von Juden lag, war diesen durch Realteilung kleinbäuerlich strukturierten Gebieten der Boden vorbereitet, auf dem die antisemitischen Agitatoren auf Erfolge und Zuspruch hoffen durften. Sachberichte in Pfarrchroniken wie literari- sche Publikationen(z.B. Gustav Freytags Soll und Haben“, Wilhelm Raabes Hungerpastor! und Ludwig Rudolf Oesers Das Volk und seine Treiber!) machen deutlich, daß der Wucher jüdischer Handelsleute
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