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Zur Geschichte Gießens und seines Umlandes : Aufsätze und Reden / von Erwin Knauß
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waren, aufeinander. Eine Mehrheit trat schließlich für die eigene Par- tei ein, die den Namen Deutsche Antisemitische Vereinigung(DAV) annahm. Man einigte sich auf einen kleinen gemeinsamen Nenner: mDie Aufhebung der Emanzipation der Juden und ihre Stellung unter ein besonderes Fremdengesetz sowie eine durchgreifende wirtschaftli- che Reformpolitik. Mit der ersten Forderung blieben die Anhänger der christlich-sozialen Richtung des Antisemitismus, wie ihn Stoecker begründet hatte, ausgeschlossen.

Mit diesem Zusammenschluß waren die Gegensätze unter den einzelnen antisemitischen Richtungen keineswegs aus der Welt geschafft. Es ge- lang der DAV trotz aller Anstrengungen nicht, sich in Berlin, Dresden oder anderen Städten bei Wahlen durchzusetzen; es schien vielmehr so, als wäre die judenfeindliche Agitation in der Mitte der 80er Jahre an ihre Grenze gestoßen. Dies betraf jedoch nur die ursprünglichen Zen- tren des Antisemitismus, denn sein Ideengut hatte inzwischen längst die Provinz erfaßt und gewann dort zusehends an Boden, vor allem in vorwiegend landwirtschaftlich strukturierten und protestantischen Ge- bieten Sachsens, Westfalens und Hessens. Größere und länger an dauernde Wahlerfolge errang in der Folgezeit der politische Anti- semitismus im nieder- und oberhessischen Raum, im weitesten Sinne also zwischen Hofgeismar und Friedberg.

Gründe für den Erfolg der Parteiantisemiten in Nord- und Mittelhes- sen

Es war dem Kustos an der Marburger Universitätsbibliothek Dr. Otto Böckel vorbehalten, im Wahlkreis Marburg/Frankenberg/Kirchhain als erster Vertreter des politischen Antisemitismus im Reich ein Mandat im Reichstag zu erringen. Dieser Erfolg war überraschend, weil er in einem Wahlkreis geschah, der seit 1871 fast ausschließlich von konser- vativen Kandidaten gehalten wurde. Er war aber auch deshalb außer- gewöhnlich, weil er bereits im 1. Wahlgang mit einem Vorsprung von beinahe 3000 Stimmen gelang. 3 Die Wahl Otto Böckels hatte Signal- wirkung für den mittel- und nordhessischen Raum, und es erscheint geboten, den Gründen für diesen Erfolg des politischen Antisemitismus nachzugehen. Sie liegen im strukturellen Bereich und im sozialen Um- feld des Landes in der damaligen Zeit; eine gewisse Rolle spielen auch die Persönlichkeiten der antisemitischen Kandidaten.

Die Bevölkerungsstruktur des in Betracht kommenden Gebietes zeigt für den Ausgang des 19. Jh. einen unverhältnismäßig hohen Prozentsatz von Juden, der zwischen 2,5% und 3 P betrug, während die Ver- gleichszahlen für Preußen bei 1,33% und für das Reich bei 1,24% la- gen. Mehr als gewöhnlich lebten hier Juden auf dem flachen Lande, was aus der geschichtlichen Entwicklung erklärbar wird. Die großen

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