senden Antisemitenpartei. Dies gelang trotz großer Anstrengungen auch der Deutschen Reformpartei“ nicht, deren Zentrum seit ihrer Gründung 1880 zwar in Dresden lag, die aber durch die Errichtung von Zweigvereinen, vor allem in Westfalen und Hessen, von sich reden machte.
Während nämlich im Dresdener Reformverein die Annäherung an die konservative Partei den antisemitischen Programmpunkt zurücktreten ließ, wurde dieser in den weitverzweigten Stützpunkten(Mitte 1885 waren es 52 Tochtervereine) lebendig erhalten und erhielt- meist um eigene Zeitungen gruppiert- einen selbständigen Charakter.
Einer dieser Zweigvereine war 1882 von dem aus Nordhessen stam-— menden Ludwig Werner gegründet worden. Er war in Berlin von dem Auftreten Ernst Henricis inspiriert worden und gab unter der Devise Die Judenfrage ist die soziale Frage unserer Zeit“ ab 1.7.1882 als ei- gene Zeitschrift das Reichsgeldmonopol! heraus, das sich fast aus— schließlich wirtschaftlichen Mißständen widmete. Anfänglich stark an die Konservativen angelehnt, trat Werner im Reichstagswahlkampf von 1884 für die konservativen Kandidaten in den Wahlkreisen Kassel Melsungen, Hersfeld/Rotenburg, Fritzlar/Homberg und Marburg/Kirch- hain ein, die dort auch alle das Mandat gewannen. 1 Mit großer Politik beschäftigte sich das Reichsgeldmonopol“ nicht; auch die kurhessische Frage spielte keine besondere Rolle.? Im wesentlichen sind es Wu— chergeschichten und negativ kolorierte jüdische Anekdoten, die das Bild dieser Zeitschrift bestimmten.
In Leipzig hatte Theodor Fritsch, von dem noch zu reden sein wird, am 23.5.1884 einen Reformverein gegründet, der bald die alte Zielset- zung der antisemitischen Bewegung aufgriff: Zusammenschluß aller Ju- dengegner in einer gemeinsamen Partei. Als Propagandaschrift gab er vom Oktober 1885 ab die Antisemitische Correspondenz...(AC) her- aus, und er gewann in Liebermann v. Sonnenberg, dessen Berliner Volksverein’ inzwischen kläglich zusammengefallen war, einen tüchti-— gen Agitator, der sich die Neubelebung des aus dem öffentlichen Be— wußtsein fast schon gänzlich verdrängten Antisemitismus zur Aufgabe machte.
Zu Pfingsten 1886(13.-14.6.) sollte auf einem großen Antisemitenkon- greß in Kassel die allseitige Einigung aller Judengegner zustande kommen. Ein eigens dafür zusammengesteller Vorbereitungskreis, dem u. a. neben Theodor Fritsch der Arzt Dr. König aus Witten(Ruhr) als Moderator der westfälischen Reformvereine und Dr. Stehlich vom Kas-— seler Reformverein angehörten, stellte die Einladungen zusammen. Hart prallten die Gegensätze der antikonservativen und demokratischen Antisemiten, die eine eigene Partei forderten, und der konserva- tiv-freundlichen Judengegner, die gegen eine solche Parteigründung
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