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Zur Geschichte Gießens und seines Umlandes : Aufsätze und Reden / von Erwin Knauß
Entstehung
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Täuschen wir uns nicht, die Bewegung ist sehr tief und stark bis in die Kreise der höchsten Bildung hinauf, unter Männern, die jeden Ge- danken religiöser Unduldsamkeit oder nationalen Hochmuts weit von sich weisen würden, ertönt es heute wie aus einem Munde'die Juden sind unser Unglück.

Treitschke ging es um die mögliche Bedrohung der nationalen Einheit, und er wollte die völlige Assimilation der Juden und ihr Aufgehen im deutschen Volk. Rassische Vorurteile hatte er nicht.

Auch die Judenfeindschaft des Berliner Hofpredigers Adolf Stoecker basierte nicht auf der Rassenfrage, sondern war von religiösen und sozial-ethischen Gründen bestimmt. Nach dem Scheitern seines Ver- suchs, mit der von ihm 1875 gegründetenChristlich-sozialen Arbei- terpartei' die der SAP(Sozialistische Arbeiterpartei als Vereinigung der SDAP und des AbDAV im Mai 1875 in Gotha) zuströmenden Mas- sen mit Thron und Altar zu versöhnen, hatte er 1879 den Antisemi- tismus als Programmpunkt aufgenommen, um mit dessen Hilfe diese später so genannte- Berliner Bewegung! im mittleren und kleineren Bürgertum zu verankern und politisch wirksam werden zu lassen.

Entstehung antisemitischer Parteien

Trotz gewisser Anfangserfolge blieb auch dieser Versuch Stoeckers vergeblich, da sich die antisemitische Bewegung längst radikaleren Forderungen zugewandt und sich verselbständigt hatte. In zahlreichen deutschen Städten entstanden 1880/81 antisemitische Gruppierungen, die mal mehr konservativ und christlich, mal stärker von dem rassisti- schen Ideengut inspiriert waren. An diesen grundsätzlichen Unterschie- den in der Motivation der Judenfeindschaft scheiterten aber zunächst alle Versuche, zu einer reichseinheitlichen antisemitischen pPartei zu kommen, die in der Lage gewesen wäre, auch auf der politischen Ebene den gewünschten Durchbruch zu erzielen.

Zunächst hatte im November 1880 die von dem Gymnasiallehrer Bern- hard Förster, einem Schwager Friedrich Nietzsches, und dem ehemali- gen Offizier Liebermann v. Sonnenberg dem Kanzler Bismarck unter- breitete Antisemitenpetition mit ca. 225 000 Unterschriften aus dem gesamten Reich für einiges Aufsehen gesorgt und den Antisemitismus im politischen Raum hoffähig zu machen versucht, indem sie eine Minderung der staatsbürgerlichen Rechte der Juden auf dem Gesetzge- bungsweg forderte. Sie verfiel zwar der Ablehnung, bewirkte aber durch ihre weite Verbreitung die Gründung antisemitischer Vereine, Organisationen und Parteien. Aber weder die(Soziale Reichspartei: des völkisch-radikalen Antisemiten Ernst Henrici noch der von Förster und Liebermann gegründete und stärker konservativ ausgerichtete Deutsche Volksverein schafften den Durchbruch zu einer allumfas

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