Artikel, um gegen die liberale und antiklerikale Politik Bismarcks zu polemisieren. Sah das katholische Zentrum anfänglich im Antisemitis- mus eine Waffe, um Bismarck anzugreifen und die Front seines Kul-— turkampfes zu schwächen, gingen die Ultrakonservativen den Reichs- kanzler wegen seiner liberalen Wirtschafts- und Freihandelspolitik an. Besonders scharf wurde er von der Antikanzlerliga' und ihrem Organ, der Deutschen Reichsglocke“, angegriffen:"Solange der Fürst Bis- marck das allmächtige Idol bleibt, wird die deutsche Nation dem Reich, das Reich(aber) dem Kanzler geopfert werden, und der Kanz- ler gehört den Juden und Gründern“. In einem Leitartikel dieser Zeit- schrift v. 24.12.1876 hieß es:
Manchestertum(= radikales Freihändlertum) und Judenwirtschaft sind identische Begriffe; dies ist allen, welche über unsere Verarmung in der Landwirtschaft und in der Industrie nachdenken, längst klar ge— worden. Reich werden, ohne zu arbeiten, ernten, ohne zu säen, das ist der Beruf des Juden, und es ist auch die Lehre unserer radikalen Freihändler. Die Nation wird bald Rechenschaft verlangen von den jü- dischen Säulen des Manchestertums, welche die Pflege der nationalen Arbeit und das Wohl des deutschen Volkes den spekulativen Prozent- chengelüsten der internationalen Konkurrenz geopfert haben.“
Noch massiver, ja schon außerhalb aller Menschenrechte, klingt es aus den Deutschen Schriften“(1878-1881) des Orientalisten Paul de La- garde, der als Klassiker des völkischen Denkens neben Julius Langbehn GRembrandt als Erzieher“) und Houston Stewart Chamberlain(Die Grundlagen des 19. Jh.) gelten darf. Bei ihm heißt es:"Es folgt für Deutschland, daß die Juden. entweder auswandern oder.Deutsche werden müssen“, und an anderer Stelle:
Mit Trichinen und Bazillen wird nicht verhandelt, Trichinen und Bazillen werden auch nicht erzogen, sie werden so rasch und so gründlich wie möglich vernichtet.“
Von besonderer Schärfe und Radikalität war zu Beginn der 80er Jahre der Philosoph Eugen Dühring- bekannt geworden vor allem durch sei- ne Kontroverse mit dem Sozialisten Friedrich Engels-, der in seiner Schrift Die Judenfrage als Rassen-, Sitten- und Kulturfrage“ die ras-— sische Minderwertigkeit der Juden betonte und ihre totale Entrechtung forderte. Er sprach als erster deutlich aus, daß ein überzeugter Christ kein Antisemit sein könne und zog damit eine klare Trennung zu dem Antisemitismus konservativ-christlicher Prägung.
Auftrieb und Zustrom erhielt die antisemitische Bewegung auch in Kreisen des Bildungsbürgertums durch die Kußerungen des angesehenen konservativen Historikers Heinrich v. Treitschke, der 1879 in seiner Abhandlung über die Judenfrage in den Preußischen Jahrbüchern’ das unheilvolle Schlagwort aller späteren Judenfeindschaft prägte, indem er schrieb:
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