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Zur Geschichte Gießens und seines Umlandes : Aufsätze und Reden / von Erwin Knauß
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Beispiele für antisemitische Agitation

Es ist im Rahmen dieser Betrachtung nicht möglich, auch nur annä hernd alle jene Agitatoren und ihre Publikationen zu nennen, die den um 1880 einsetzenden parteipolitischen Antisemitismus geistig vorbe- reitet und schließlich initiiert haben; doch müssen einige hier zitiert werden, weil sie besonders verhängnisvoll in ihrer Wirkung auf Teile der anfälligen Bevölkerungsschichten gewesen sind.

Der erste, der den Begriff des Antisemitismus in die deutsche juden- feindliche Bewegung einführte, war der Journalist Wilhelm Marr, dem es bereits 1873 gelang, mit seiner Schrift Der Sieg des Judentums über das Germanentum(12 Auflagen von 1873- 1879!) die Öffentlich- keit auf die Judenfrage aufmerksam zu machen, indem er behauptete, das Judentum hätte die kapitalistische Wirtschaft und ihre Folgen zu verantworten und mit seiner Emanzipation sei das Handwerk der Großindustrie geopfert worden. Im Jahre 1879 gründete Marr die"An- tisemitenligau, eine der ersten judenfeindlichen Organisationen, und verlegte die Deutsche Wacht', eine Halbmonatsschrift mit bewußt antisemitischer Tendenz.

Noch wirkungsvoller war eine Artikelserie von Otto Glagau über den Börsen- und Gründungsschwindel in Berlin', die von Dezember 1874 bis Dezember 1875 in der Gartenlaube erschien, einer boulevardähn- lichen Familienzeitschrift, die damals bereits über die erstaunliche Auflagenhöhe von 400 000 Exemplaren verfügte. Glagau machte sich hier zum Wortführer des von der beginnenden Wirtschaftskrise hart getroffenen Mittelstandes, indem er simplifizierend die brennende so- ziale Frage der damaligen Zeit mit der Judenfrage gleichsetzte. De- magogisch behauptete er, 90 aller Gründer und Börsenspekulanten seien Juden. Wörtlich heißt es in einem seiner Aufsätze:

Das Judentum ist das angewandte, bis zum Extrem duchgeführte Manchestertum!. Es kennt nur den Handel, und auch davon nur noch den Schacher und Wucher. Es arbeitet nicht selber, sondern es läßt andere für sich arbeiten.

Und an anderer Stelle:

Nicht länger dürfen wir es dulden, daß die Juden sich überall in den Vordergrund drängen, überall die Führung, das große Wort an sich reißen. Sie schieben uns Christen stets beiseite, sie drücken uns an die Wand, sie nehmen uns die Luft und den Atem.

Antisemitisches Gedankengut wurde aber nicht nur als Ausdruck priva- ter Überzeugung demagogischer Journalisten vom Schlage eines Marr oder Glagau verbreitet, sondern fand auch in seriösen Kreisen Eingang durch die konservative Kreuzzeitung und die katholische Zeitschrift Germania!. Beide Publikationsorgane benutzten ihre antisemitischen

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