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Zur Geschichte Gießens und seines Umlandes : Aufsätze und Reden / von Erwin Knauß
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chen dieser Entwicklung laut, und es konnte nicht verwundern, daß auf der Suche nach dem Sündenbock! nun judenfeindliche Agitatoren Gehör fanden.

Es waren zunächst antikapitalistische bzw.- von kirchlicher Seite antiliberale, bald aber auch verstärkt nationalistische Töne, die den Judenhaß anheizten. Aufnahmebereit für diese demagogisch vorgetrage- nen Angriffe waren jene Schichten, die mit den liberalen Bedingungen in Staat und Gesellschaft nicht zurechtkamen und denen die Ge schäftstüchtigkeit' der jüdischen Konkurrenz als Bedrohung ihrer sozialen Stellung erschien. In diesen Kreisen war man allzu unkritisch bereit, Liberalismus und Judentum gleichzusetzen, hatten doch die li- beralen Ideen nicht unwesentlich dazu beigetragen, die Emanzipation gesetzlich durchzusetzen. Waren nicht auch Juden im liberalen Partei- enspektrum führend tätig?

Das nationalistische Antriebsmotiv für judenfeindliche Strömungen, wie sie nach 1871 vermehrt auftraten, war vor allem darin begründet, daß die Juden auch nach der Erringung der staatsbürgerlichen Gleichstel- lung in ihrer Mehrzahl nicht daran dachten, sich völlig zu assimilieren. Sie bewahrten vielmehr ihre völkischen Traditionen wie ihre ange stammte Religion. Dies schien vielen Deutschen eine gefährliche Bela- stung der gerade erst erreichten nationalen Einheit zu sein. Sie sahen alles Fremde als Bedrohung an und betrachteten neben Dänen, Fran- zosen, Polen u.a. Völkern, die im Reichsgebiet wohnten, aus überlie fertem Vorurteil auch die jüdische Bevölkerung in ihrer Sonderart mit Argwohn.

Neben antiliberale und nationalistische Antriebsmotive für die Agita- tion gegen Juden trat Ende der 70er Jahre als eine, wie sich bald herausstellen sollte, sehr wirkungsvolle Komponente, die pseudowissen- schaftliche Rassentheorie, die einen Mythos vom nordischen Blut und von der UÜberlegenheit des Germanentums konstruierte und behauptete, daß die semitische Rasse minderwertig sei und sich der germanischen Rasse unterzuordnen habe. Vom Darwinismus her wurde der Kampf des biologisch Stärkeren gegen den biologisch Schwächeren gefordert und als Voraussetzung menschlichen Zusammenlebens angesehen. Es ist auffällig, wie auf diese Weise die jahrhundertealte theologische Lehre von der Verworfenheit des jüdischen Volkes auf eine anthropologisch- rassistische Ebene gehoben und damit für breitere Kreise akzeptabel wurde.

Die drei genannten Richtungen des Antisemitismus fanden nach 1873 in der von Wirtschaftskrise und nicht verdautem Liberalismus ange- schlagenen Gesellschaft mit Hilfe von unzähligen Druckschriften und Pamphleten ungeahnte Publizität und bereitwillige Aufnahme. Die Agi- tation war nie einheitlich ausgerichtet. Dies bedeutete einerseits ihre ideologische Schwäche, hinderte aber andererseits ihre konsequente Bekämpfung.

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