dere aufzusetzen, in denen auch nicht eine jüdische Idee sei. Um uns vor ihnen zu schützen, dazu sehe ich wieder kein anderes Mittel, als ihnen ihr gelobtes Land zu erobern und sie alle dahin zu schicken.“
Die von unechter Romantik und Deutschtümelei“ inspirierte Bewegung gegen die angestrebte Gleichberechtigung der Juden begann sich aus- zuweiten, als die fortschreitende Veränderung der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse- einerseits durch die Bauernbefreiung und die Verbesserung der Agrarstruktur und andererseits durch die wachsende Industrialisierung- in gewissen Bevölkerungsschichten, so insbesondere bei Bauern, Handwerkern und Kleinbürgern, Existenz- ängste hervorrief. Diese ließen sich für viele rational nicht erklären, weil die so entstandenen Probleme infolge des Bildungsrückstandes und des von den herrschenden Schichten geförderten Informationsmangels nicht in ihren eigentlichen Ursachen erkannt wurden. So kam es in den Jahren der Reaktion(1819- 1830) wie in den Zeiten des Vormärz: überall in Deutschland zu Exzessen gegen Juden, die nicht selten Pro- gromausmaße annahmen.
Als Preis für die Emanzipation verlangte ein Großteil der christlichen Umwelt die Einordnung in die nationale Gemeinschaft des deutschen Volkes und die Annahme des christlichen Glaubens, verkannte dabei aber, daß es nicht die christliche Nächstenliebe, sondern die humani- täre Toleranz gewesen war, die der Emanzipation den Weg bereitete. Auch nach der gescheiterten bürgerlichen Revolution von 1848 ver- stummten die judenfeindlichen Stimmen nicht, doch wurden sie durch den großen nationalen Aufbruch in den 60er Jahren merklich leiser, da Bismarcks Politik den Traum der Volksmassen nach Schaffung des deutschen Einheitsstaates, wenn auch, wie er es ausdrückte,"mit Blut und Eisen“, bis 1871 verwirklicht hatte.
Die Haltung gegenüber den Juden änderte sich schlagartig, als schon kurz nach der Reichsgründung Ereignisse eintraten, die das kulturelle und soziale Gefüge in Deutschland empfindlich erschütterten. Zum ei- nen war das Bismarcks'Kulturkampf’ gegen die bisherigen Privilegien, insbesondere der katholischen Kirche, der u. a. das Ende der kirchli- chen Schulaufsicht und die Einführung staatlicher Standesämter her- beiführte; zum anderen war es eine bereits 1873 einsetzende und bis weit in die 90er Jahre andauernde schwere Wirtschaftskrise, die be- sonders das kleine und mittlere Bürgertum neben der bäuerlichen Landbevölkerung traf. Der Zusammenbruch vieler, gerade erst gegrün- deter Unternehmen(Gründerkrise), die Zunahme der Börsenspekulation in einer noch ungezügelten kapitalistischen Wirtschaftsordnung(Man- chestertum*), Absatzschwierigkeiten der Landwirtschaft, Senkung von Löhnen und Gehältern, oft verbunden mit massenhaften Entlassungen, verbreiteten eine Welle des Mißtrauens und der Urzufriedenheit in weiten Teilen der Bevölkerung. Jetzt wurden Fragen nach den Ursa-
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