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Zur Geschichte Gießens und seines Umlandes : Aufsätze und Reden / von Erwin Knauß
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Gilt es zunächst den Gründen für das Aufkommen des politischen An tisemitismus in den 70er und 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts nachzugehen, müssen dann die besonderen Voraussetzungen betrachtet werden, die es den Antisemiten ermöglichten, gerade in Hessen über regionale Bedeutung zu erlangen.

Hintergründe einer wachsenden Judenfeindschaft im 19. Jahrhundert

Das Zusammenleben von Christen und Juden im deutschen Sprachraum ist nachweislich seit über einem Jahrtausend immer wieder von Schwierigkeiten erfüllt und durch Auseinandersetzungen getrübt wor- den, die aber bis ins 19. Jh. vorwiegend religiöse Ursachen hatten oder zumindest religiös begründet wurden. Es sei hier nur erinnert an die grausamen Verfolgungen der als Christusmörder angeschuldigten Israeliten in den rheinischen Städten während des 1. Kreuzzugs oder an die noch furchtbareren Judenhetzen der Jahre 1348- 1351 in ganz Europa, als die Pest grassierte und man den Juden nachsagte, sie hät- ten die Brunnen vergiftet, um ihre christliche Umwelt zu vernichten. Bis zur allmählichen Emanzipation im Laufe des 19. Jh. war auch ihre soziologische und ökonomische Ausgrenzung neben ihrem religiösen An derssein Grund für zahlreiche Spannungen. Es ist lange Zeit verkannt worden, daß der deutsche Protestantismus bis in die 20er und 30er Jahre unseres Jahrhunderts in seiner Stellung zu den Juden weitgehend von dem geprägt war, was Martin Luther in seinen Spätschriften den an ihrer angestammten Religion zäh festhaltenden Juden vorwarf und androhte.

Hatte es auch in den Jahrhunderten nach der Reformation immer wieder judenfeindliche Regungen- wenn auch je nach territorialer Zugehörigkeit von unterschiedlicher Intensität- im alten Reich gege- ben, so waren sie doch nicht von jener gefährlichen Ausprägung, wie wir sie dann zu Beginn des 19. Jh. beobachten müssen. Es sind die Jahre nach dem Ende der Ara Napoleons und dem Wiener Kongreß, in denen die Auseinandersetzungen zwischen den von der Aufklärung des 18. Jh. und der Französischen Revolution herrührenden Ideen der Freiheit und Gleichheit und dem Drängen nach feudaler Restauration ausgetragen werden. Ausgehend von den Reformen Steins und Harden- bergs in Preußen und getragen von der weithin verbreiteten Forderung nach liberaler und demokratischer Staatsordnung, setzte der Prozeß der Judenemanzipation langsam ein und rief den Widerstand retardie- render Kräfte hervor.

Es war kein Geringerer als Johann Gottlieb Fichte, der sich schon 1793 als Vorbereiter eines militanten Antisemitismus präsentierte, in- dem er zur Judenfrage äußerte:

. den Juden Bürgerrechte zu geben, dazu sehe ich wenigstens kein Mittel als das, in einer Nacht ihnen alle Köpfe abzuschneiden und an-

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