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Zur Geschichte Gießens und seines Umlandes : Aufsätze und Reden / von Erwin Knauß
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Der Arbeitskalender der bäuerlichen Arbeit war so festgelegt, daß man diese oder jene Arbeit am Tage eines bestimmten Heiligen be gann und womöglich einen Volksreim dazu erfand. Doch vergaß man bei aller Gebundenheit nicht das Beobachten und Anpassen an die Na- tur; dies zeigen die zahlreichen bäuerlichen Wetterregeln, die aus äl- testen Zeiten stammen und traditionell den Jahreskalender mitbestim- men.

Wir wissen, daß Landwirtschaft und Bauernbetrieb mit den klassischen Tätigkeiten des Säens und Erntens nicht getan ist; hinzu tritt die Viehhaltung und damit müssen Regeln für die Weidezeiten eingehalten werden, um den beginnenden Raubbau auf Feldern und Wiesen, vor al- lem aber im Wald zu begrenzen. Haus und Hof verlangen tägliche Vorsorge. Das Holzsammeln wird zur lebensnotwendigen Tätigkeit. Der Wald war der große Rohstoffversorger. Von ihm bezieht der Bauer das Holz für Zäune, Bretter und Schindeln, für Fässer, Wagen und Räder, für Licht und Wärme. Holz nimmt mitunter des Bauern meiste Zeit in Anspruch. Der Wald hat auch Steine, Eisen und Kohle, Beeren und Früchte, Eichenrinde für die Lohgerberei, Mast für das Vieh. Asche verbrannten Holzes für die Bleiche oder die Färberei. Aber dort dro hen auch Gefahren, denen der Mensch des frühen Nittelalters mit seinen noch bescheidenen Gerätschaften nicht immer gewachsen war.

Dort waren auch die Arbeitsgeräte des Bauern weiterentwickelt wor- den: Die Einführung des schweren Räderpflugs war eine wesentlich wirksamere Waffe gegen den Boden als der alte römische Hakenpflug, zunächst senkrecht mit dem Pflugmesser, dann seit dem 10. Jahrhun- dert mit der eisernen Pflugschar waagrecht in den Boden greifend. Die Verfeinerung der Sense ermöglichte einen wesentlich besseren Grasschnitt und zur Verarbeitung des Getreides diente der hölzerne Dreschflegel, beides seit dem 9. Jahrhundert in wachsendem Gebrauch.

Auch beim Gebrauch des Zugtieres gab es um 800 eine entscheidende Verbesserung: Das alte Geschirr, bei dem die Zuglast dem Tier auf die Brust drückte, wurde abgelöst vom Kummet, das die Zuglast auf die Schultern verteilt.

So könnten wir noch lange über das Alltagsleben der Bauern im frü hen und hohen Mittelalter plaudern und hätten uns damit der Zeit ge- nähert, in der unser Hausen wieder in Urkunden erscheint und in das Licht der Geschichte tritt.

Es war meine Aufgabe, Ihnen in dieser festlichen Versammlung heute abend die Frühzeit Ihres Dorfes etwas näher zu bringen. Für die wei- tere historische Entwicklung Hausens, die nicht von der Geschichte Hessens zu trennen ist, hat Ihr leider viel zu früh verstorbener Orts- bürger, der Rektor Heinz Gregor, eine Fülle von Material zusammen- getragen und in dem beachtlichen Heimatbuch von Pohlheim vor eini- gen Jahren veröffentlicht. Man darf empfehlend auf dieses Buch hin- weisen.

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