Weiter brachten die Stadt Gießen und ihre Vertreter vor, die Lindeser hätten im fraglichen Gebiet auch mehrere Bürgergüter an sich ge— bracht, die bisher die Bede nach Gießen hätten versteuern müssen; diese Kontribution aber würde seitdem den Gießenern vorenthalten. Im übrigen drängten die Klein-Lindener nur deswegen nach der Gießener Feldmark, weil in ihrer eigenen Gemarkung die Allendorfer und Lüt-— zellindener Mithute hätten.
Gutgemeinte Vorschläge der landgräflichen Beamten zu einem gütli- chen Vergleich scheiterten am Widerstand der Klein-Lindener, die ih- re Erbgerechtigkeit an den geforderten Nutzungen noch beweisen wollten.
An dieser Stelle halten wir einen Augenblick inne und untersuchen, was den gegnerischen Standpunkten allgemein zu entnehmen ist:
Die Stadt Gießen hatte vor der Klein-Lindener Gemarkung eine Land- wehr oder Heege): Diesseits der Landwehr(nach Gießen zu) bean-— spruchten die Lindeser"althergebrachte Huterechte“; jenseits der Landwehr hüteten bis dahin sogar die Gießener mit. Die Bezirke unter und über der Landstraße- gemeint ist hier die alte Handelsstraße nach Frankfurt- scheinen von unterschiedlicher Bodenbeschaffenheit gewesen zu sein; jedenfalls sind die Gebiete"in der auwen die Tal-— wiesen nach der Lahn zu, während der Bezirk oberhalb der Landstra- ße, der auf der Mittelterrasse liegt, wahrscheinlich dem Ackerbau diente. Die Lindeser hatten nur eine sehr kleine Gemarkung; darum versuchten sie mit Hilfe ihrer Herrschaft die Hutebezirke zu vergrö-— ßern.
Die Landwehr, deren Verlauf wir noch aus älteren Karten kennend, hat wohl einst die Gemarkung des alten Dorfes Selters gegen Südwe-— sten begrenzt. Dieses Dorf aber war erst seit kurzer Zeit endgültig wüst gewordenꝰ; seine Bewohner waren zum überwiegenden Teil nach Gießen gezogen, seine Feldflur wurde von Gießen übernommen und von dort aus weiter bebaut. An seiner bisherigen Grenze gegen Klein- Linden müssen althergebrachte gegenseitige Weiderechte zu beiden Seiten der Landwehr bestanden haben, die nun die Stadt weiter nutzte und beanspruchte. Da um 1530 auch die letzten Wohnstätten des ehe- maligen Dorfes auf dem Seltersberg verlassen worden waren, sahen die Lindeser Bauern eine Ausdehnungsmöglichkeit in dem Raum zwi-— schen der Landwehr und den Bachwegen, weil die Entfernung für die
7 Landwehr ist der ältere, Lindeser Hege der jüngere Name für diesen Grenzbezirk.
8 Karte der Umgebung Gießens aus der Mitte des 18. Jh.
9 Die Pfarrkirche von Selters und wenige Gebäude standen noch
bis zum Beginn des Festungsbaus 1530.
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