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Zur Geschichte Gießens und seines Umlandes : Aufsätze und Reden / von Erwin Knauß
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tigen Wirksamkeit ebenbürtig an die Seite gestellt werden, auch wenn sein Name verständlicherweise nicht jene weltweite Berühmtheit er- langt hat.

Es muß Hugo v. Ritgen hart getroffen haben, daß Großherzog Ludwig III. von Hessen-Darmstadt 1874 die Lehrstühle für Architektur und In- genieurwissenschaften von Gießen abzog und nach Darmstadt verlegte. Die Gründe für diese Entscheidung sind leider aus den Quellen nicht ganz klar zu erschließen. Von maßgeblichem Einfluß dürfte gewesen sein, daß- wie bereits erwähnt- die Darmstädter Gewerbeschule seit 1868/69 den Status einer"Polytechnik-Anstalt erhielt und damit die Voraussetzung für eine technische Ausbildung auf wissenschaftlicher Basis geschaffen wurde. Ein zweiter wichtiger Grund war wohl das Bestreben der nach der Gründung des Deutschen Reiches nur noch mit Teilsouveränität ausgestatteten deutschen Landesfürsten, ihre Residen- zen repräsentativer zu machen, vor allem, weil sie erkannt hatten, wie notwendig eine gediegene technologische Ausbildung im Zuge der rasch expandierenden Industrieentwicklung für die Wirtschaftskraft ei- nes Landes sein konnte.*

Tatsächlich sind die Vorläufer fast aller späteren Technischen Hoch- schulen in den Residenzstädten der vormärzlichen Klein- und Mittel- staaten gegründet worden; Beispiele hierfür sind Braunschweig, Hanno- ver, Karlsruhe, Stuttgart und München. Es mag ferner mitgespielt ha- ben, daß das größere und dem wachsenden Handels- und Industrie-Bal- lungsraum des Rhein/Main-Gebiets näherliegende Darmstadt für eine technologische Ausbildung geeigneter schien als die kaum dem Acker- bürger-Status entwachsene Hauptstadt der nördlich des Mains gelege- nen Provinz Oberhessen, deren Bedeutung durch die Gebietsabtretungen von 1866(Hinterland) und die Bildung der preußischen Provinzen Hes- sen-Nassau(des ehemaligen Herzogtums Nassau und der freien Stadt Frankfurt/ Main) und Kurhessen(Annektion des Kurfürstentums Hes- sen-Kassel) wesentlich gesunken war.

Die Aufwertung der technologischen Bildung in Darmstadt stieß auf den entschiedenen Widerstand der Gießener und der anderen oberhes- sischen Abgeordneten in der Zweiten Kammer des hessischen Land- tags, die nicht nur die Notwendigkeit des Ausbaus bestritten, sondern immer auch die Gefahren der Aufspaltung universitärer Bildung an die Wand malten.

Abgeordnete aus der damals größten Handels- und Industriestadt des Großherzogtums, der vor allem durch die Dampfschiffahrt prosperie- renden Stadt Mainz machten geltend, daß der Unterricht in technolo-

* Aus den Landtagsakten des 19. Jh. wissen wir, daß der Groß-

herzog immer mal wieder ernsthaft versuchte, auch die Landes- universität von Gießen weg nach Darmstadt zu verlegen.

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