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Zur Geschichte Gießens und seines Umlandes : Aufsätze und Reden / von Erwin Knauß
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gischen Fächern, vor allem im Maschinenwesen,"vor Ort geschehen sollte, wo Versuche und Übungen durch Besuch von Industrieanlagen und praktische Anleitung viel leichter möglich seien und damit die Ausbildung effektiver machten.

Trotz aller Proteste aus Gießen oder Mainz wurde die Entscheidung für Darmstadt nicht rückgängig gemacht; im Gegenteil: Das dortige Polytechnikum wurde bereits 1877 in eine Technische Hochschule um- gewandelt, neben München und Braunschweig die älteste im Raum des Deutschen Reiches.

Es darf allerdings nicht unerwähnt bleiben, daß nicht nur der weitere Ausbau, sondern erstaunlicherweise auch die Existenz der TH Darm- stadt unter dem Eindruck der Wirtschafts- und Finanzkrise des ausge- henden 19. Jh. noch über ein Jahrzehnt stark umstritten war. Unbe- stritten aber blieb, daß Gießen aus dem Rennen um die Bildungsstätte für die technischen Fächer ausgeschieden war.

Für Hugo v. Ritgen war dies zweifellos eine einschneidende Entwick- lung, denn in Architektur und anderen polytechnischen Bereichen konnte er nun nicht mehr unterrichten. Nicht ohne Zögern und Beden- ken nahm er schließlich den ihm angetragenen Lehrstuhl für Kunstge- schichte innerhalb der philosophischen Fakultät an, zumal ihm Ange- bote auswärtiger Technischer Lehranstalten und Hochschulen vorlagen. Ausschlaggebend waren neben seinem fortgeschrittenen Alter seine vielfältigen Bindungen an die Stadt Gießen, an deren öffentlichem Le- ben er als Bürger stets wesentlichen Anteil nahm.

Hugo v. Ritgen und die Gründung der Handwerkerschule des Ortsge- werbevereins

In seiner Person und seiner Wirksamkeit können wir auch die verbin- dende Brücke zu jener Institution sehen, die nach der Aufhebung der Ingenieurwissenschaften im Jahre 1874 nun noch über 7 Jahrzehnte die Tradition technologischer Bildung und Ausbildung in Gießen fortsetzen sollte und deren Geschichte wir uns nunmehr zuwenden wollen.

Aus einer Eröffnungsansprache, die Prof. Hugo v. Ritgen am 15.1.1888 anläßlich des 50jährigen Bestehens der Gießener Handwerkerschule hielt, geht hervor, daß er selbst als junger, gerade ernannter Professor für Architektur und Ingenieurwissenschaften an der Gründung dieser Einrichtung für handwerkliche und technische Ausbildung maßgeblich beteiligt war. Seiner Rede können wir ferner entnehmen, daß er in den ersten Jahren dieser Schule selbst mithalf, den Unterricht zu ge- stalten, als der einzige Lehrer die anfallende Arbeit allein nicht be- wältigen konnte. Ein wahrhaft vorbildliches Handeln eines Universi- tätsprofessors und zugleich ein Beweis für sein Engagement und seine vorausschauende Sicht.

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