Ritgen selbst zog seine Bewerbung kurz darauf aus uns unbekannten Gründen zurück, vielleicht, weil seine Ernennung zum ordentlichen Professor unmittelbar bevorstand. Seine große Begabung als Zeichner und Aquarellmaler zeigte erst jüngst die große Hugo v. Ritgen-Aus- stellung des Oberhessischen Museums, das erfreulicherweise den größ- ten Teil seiner Bilder als Vermächtnis verwahrt. In den Würdigungen seines Lebenswerkes wird deutlich, daß H. v. Ritgen in seiner Eingabe aus dem Jahre 1842 eher untertrieben hat.*
Als Professor entfaltete Hugo v. Ritgen das ganze Spektrum seiner großen Begabung und lehrte die Studierenden des Baufaches vor allem in darstellender Geometrie, architektonischer Kompositionslehre, Bau-— konstruktion und Geschichte der Baukunst. Dabei blieb er nicht im Hörsaal sitzen, sondern ging mit den Studenten hinaus, z.B. zu den Burgen der Umgebung Gleiberg, Staufenberg oder Münzenberg, wo er ebenso wie etwa im Kloster Arnsburg Verständnis und Bewunderung für die Baukunst vergangener Zeiten weckte.
Daneben unterrichtet er- seinen Neigungen entsprechend- im Frei- handzeichnen und Malen in Wasserfarbe und Öl.
UÜberragende Bedeutung aber hat Ritgen als Baumeister und Restaura- tor. Mit der Wiederherstellung der Wartburg krönte er sein Lebens-— werk. Im heimischen Raum gelingt ihm Gleiches an der Burg Staufen- berg(1860-62), dem Gleiberg(1879-83), der Pfarrkirche von Gro- Woyſjndon(1886), dem Schiffenberg und dem Kloster Arnsburg 1873).
In Gießen selbst leitete er den Neu- oder Umbau an über 20 Bürger- häusern und setzte sich mit der Restaurierung der Friedhofskapelle (1890/91) ein bleibendes Denkmal.**
Dem Chemiker Justus von Liebig(1824- 1852 Prof. in Gießen) und dem Physiker Wilhelm Conrad Röntgen(1879- 1888 Prof. in Gießen) darf Joseph Maria Hugo v. Ritgen(1837- 1889 pProf. in Gießen) als Vertre- ter der Architektur und der Ingenieurwissenschaften in seiner vielsei- * Siehe hierzu den Katalog zur Ausstellung Hugo v. Ritgen(Ober-— hessisches Museum, Gießen 1980). Die Stelle des Universi- täts-Zeichenlehrers übernahm im Jahre 1843 Wilhelm Traut- schold für einige Jahre. Er war ein Freund Justus von Liebigs, dessen Porträt er 1841 als sein erstes Bild ausstellte. Gemeinsam mit Hugo v. Ritgen malte er 1842 das berühmte Bild"Im Laboratorium Liebigs“, das als Druck weite Verbrei- tung gefunden hat(siehe Bild S. 259).
Zu Ehren Hugo v. Ritgens benannte die Stadt Gießen im Jahre 1981 die Straße nach ihm, die zum Oberen Hardthof in Rich-— tung Gleiberg zieht.
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