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Zur Geschichte Gießens und seines Umlandes : Aufsätze und Reden / von Erwin Knauß
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te.* Außerdem zeigt diese Bewerbung aber auch, wie sehr in jener Frühphase technologischer Bildung Theorie und Praxis in enger Verbin- dung gesehen wurden. Doch lassen wir Hugo v. Ritgen selbst sprechen. In der uunterthänigsten Vorstellung und Bitte des Grhzl. Professors Dr. H. v. Ritgen an die Großherzoglich Hessische Hochpreisliche Lan- des-Universität heißt es u. a.

nDie durch das vor wenigen Tagen erfolgte Ableben des bisherigen Universitäts-Zeichenlehrers Dickoré erledigte Stelle ist schon seit mehreren Jahren wegen Kränklichkeit und körperlicher Unfähigkeit desselben nicht mehr ordentlich versehen worden. Ich sehe mich des- halb schon gleich bei Übernahme der mir allergnädigst anvertrauten Lehrstelle als Professor der Architektur und des Maschinenzeichnens genötigt, den Unterricht im Freihandzeichnen und Malen für die Ar- chitekten selbst zu übernehmen. Allein der gänzliche Mangel ander- weitigen gründlichen Zeichenunterrichts führte mir auch zugleich viele andere Schüler zu und so bin ich denn schon seit mehreren Jahren der Tat nach der eigentliche Universitäts-Zeichenlehrer geworden. Wenn ich es daher gegenwärtig wage, untertänigst um gnädigste Übertra- gung dieser Stelle zu bitten, so würde mein Gesuch schon hierin eine Begründung finden; allein es sind noch andere Gründe, welche mich hierzu bestimmen. Gründe, welche im Interesse der Sache und des Staates eine Vereinigung der Stelle des Universitäts-Zeichenlehrers mit der des Lehrers der Architektur und des Maschinenzeichnens nicht unpassend erscheinen lassen möchten.

Darstellende Geometrie mit ihren Anwendungen, Schattenlehre und Perspektive sind Fächer, welche die Grundlage allen Zeichnens bilden, welche daher jeder Zeichenlehrer gründlich verstehen sollte, leider aber nur höchst selten versteht. Diese Fächer trage ich, als Lehrer der Architektur, stets vor, für diese Fächer besitzt das architektoni- sche Kabinett eine vollständige Modellsammlung, größtenteils von mir selbst gefertigt.

Mit dem eifrigen Studium dieser Fächer habe ich stets Freihandzeich- nen und Malen verbunden und bin dadurch in den Stand gesetzt, den Unterricht in allen Zweigen des bildenden Darstellens vollständig und gründlich zu erteilen.

* Der Gießener Straßenname"Professorenweg geht nicht auf ei- nen besonders beliebten Spaziergang der Professoren zurück, sondern bezeichnet ungefähr die Gegend, wo um die Mitte des 17. Jh. Feldstücke aus dem Stadtwald angerodet worden waren, die man von seiten des Stadtrates den ordentlichen Professoren zinslos zur Verfügung stellte. Ahnliche Privilegien räumte man den Universitätslehrern hinsichtlich der Viehmast und der Holz- nutzung ein. Diese Universitäts-Triebviertel oder uprofessoren- stücker wurden noch bis weit ins 19. Jh. in Anspruch genom- men und erhöhten die Dotation der Ordinarien.

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