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Zur Geschichte Gießens und seines Umlandes : Aufsätze und Reden / von Erwin Knauß
Entstehung
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Bruch in der weiteren Entwicklung der technologischen Ausbildung in Gießen ein, obwohl nominell inzwischen ein Prof. Walther die techno- logischen Fächer zu vertreten hatte. Die Stagnation hielt etwas über ein Jahrzehnt an; es war ohnehin eine Zeit des Stillstandes, tiefer politischer und wirtschaftlicher Resignation, weil weder die Einheit des deutschen Staates noch die Freiheit seiner Bürger, die großen Ziele im Kampf gegen Napoleon, erreicht worden waren. Zahllose Grenzen hemmten Wirtschaft und Verkehr, die maschinelle Produktion fand nur geringe Verbreitung, die"Heilige Allianz knebelte durch die Karlsbader Beschlüsse den politischen Fortschritt und verhinderte die Gewährung von Grund- und Menschenrechten. Die Kunst der Ro- mantik in Dichtung und Malerei, die Stilepoche des Biedermeier in Trachten und Möbeln war ein kaum genügender Ersatz, eine Flucht aus der Wirklichkeit.

Erst die Jahre 1837/38 markieren einen Aufschwung und einen Wende- punkt, weil sowohl die inneruniversitäre technologische Studienmög- lichkeit weiterentwickelt wurde als auch in der bürgerlichen Gesell- schaft des Vormärz die zunehmende Industrialisierung zu neuen Aus- bildungswegen drängte.

Die Geschichte des technologischen Unterrichts in Gießen ist für das nächste halbe Jahrhundert untrennbar mit der Person und dem Le benswerk eines bedeutenden Mannes verbunden.

Hugo v. Ritgen und der Lehrstuhl für Architektur und Ingenieurwis- senschaften

Hugo v. Ritgen, der den Lehrstuhl für Architektur und Ingenieurwis- senschaften von 1838- 1874 innehatte und dem technologischen Institut noch bis 1882 vorstehen durfte, ist für die Geschichte der gewerbli- chen und technischen Bildung in Gießen in mehrfacher Hinsicht von großer Bedeutung.

Am 3. März 1811 in Westfalen geboren, kam er schon im Alter von 3 Jahren nach Gießen, wo sein Vater eine mediz. Professur erhielt. Er besuchte hier das Gymnasium und begann 1828 auf Wunsch des Vaters mit dem Medizinstudium. Doch schon bald zog es ihn zur Baukunst; er studierte kurze Zeit Mathematik, um sich dann bei dem Hofbaudirek- tor Moller* in Darmstadt das Rüstzeug für seine spätere Tätigkeit zu holen.

1833 bereits konnte er promovieren, ging dann aber noch einmal für 1 1/2 Jahre auf Studienreise nach Belgien und Frankreich, wo er sich

14 Moller erbaute u. a. auch die 1944 zerstörte Gießener Stadtkir che, die im Jahre 1821 geweiht worden war.

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