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Zur Geschichte Gießens und seines Umlandes : Aufsätze und Reden / von Erwin Knauß
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ohne Einschränkung als den Beginn der akademischen Ausbildung in technischen Fächern bezeichnen kann. Unsere Fachhochschule, die jetzt ihr 10jähriges Bestehen feiert, darf also mit Fug und Recht auf eine Tradition blicken, die vor 164 Jahren in Gießen begonnen hat.

Die Vorgänge um die Einrichtung dieses Unterrichts, die aus dem Universitätsarchiv überliefert sind, bedürfen in mehrfacher Hinsicht unserer Aufmerksamkeit: Zum einen zeigen sie die Widerstände gegen eine vermeintlich nicht universitätsreife Disziplin und gleichzeitig die Furcht vor Unterwanderung der akademischen Lehre in den traditio nellen Fakultäten durch eine noch unbekannte und daher suspekte Wissenschaft, zum anderen wird doch auch deutlich, daß man sich insbesondere von seiten des Staates, aber auch in Kreisen der Univer- sität den Erfordernissen einer neuen Zeit nicht verschließt und Raum zu geben bereit ist für einen Wissenschaftsbereich, dessen Notwendig- keit im damaligen"Auslandu* bereits weithin erkannt worden war.

Aufschlußreich ist hier zunächst, daß der Anstoß nicht durch eine Be rufung seitens der Universität, sondern durch ein persönliches Gesuch von außen erfolgte.

Schon Ende 1816 stellte der großherzogl. Hütteninspektor und Hof- kammer-Rat Dr. phil. Johann Georg Ludolph Blumhof zu Eckelshausen bei Biedenkopf in Darmstadt den Antrag, ihm eine Professor an der philos. Fakultät der Universität in Eisenhütten- und Bergwerkskunde zu erteilen. Er wolle sich dabei mit einer jährlichen Zulage von 500 fl begnügen und nicht das volle Salär eines Professors in Anspruch nehmen, weil er udie Positiva des Hofkammer-Rates und des besolde- ten großherzogl. Hütteninspektors beibehalte. Die Regierung in Darmstadt holte daraufhin die Stellungnahme der Mitglieder des aka- demischen Senats in Gießen ein.

Die Mehrzahl der Mitglieder wehrte sich sogleich mit den unter- schiedlichsten Argumenten gegen diesen Antrag.

Aus der Fülle der Stellungnahmen können hier nur wenige exempla- risch zitiert werden:

1) ¹.indessen glaube ich auch, daß unsere Universität das Bedürfnis nicht hat, den Herrn Dr. Blumhof zu besitzen.Unsere Cameralisten sind froh, wenn sie nur die bisher hier gelesenen Collegia hören. Da sie jetzt noch 3 juristische Vorlesungen hören müssen und doch, aus Mangel an Vermögen, gewöhnlich mit 2 1/2 Jahren von der Universität abgehen, so bleibt ihnen keine Zeit übrig, um Hilfs-Wissenschaften, 2* Als"Auslandu galt damals noch alles, was außerhalb der Gren- zen des Großherzogtums Hessen-Darmstadt lag. Für Gießen wa- ren also Wetzlar(Preußen), Weilburg, Dillenburg(Nassau) und Marburg(Kurhessen)"Auslandu!

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