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Zur Geschichte Gießens und seines Umlandes : Aufsätze und Reden / von Erwin Knauß
Entstehung
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der"Großherzoglichen Realschulen auf, die aber zunächst nur eine Fortbildungsschule für Handwerker als reine Abend- und Sonntagsschu- le war. Mit dieser Einrichtung hatte man wenig Erfolg, so daß sie 1826 von einer Real- und höheren Bürgerschule mit eigenem Zweig "technische Schulen unter gemeinsamer Leitung übernommen wurde. 1836 erfolgte dann die Umwandlung der"technischen Schule in eine möhere Gewerbeschule, d.h. das ursprünglich unter der Realschule stehende Institut wurde mithin auf das höhere, zwischen Schul- und Hochschulwesen stehende Niveau angehoben. Diese"höhere Gewerbe- schule hatte eine schwere Anlaufzeit; ihr weiterer Ausbau war im Landtag stets umstritten, und erst 1868 vollzog sich die Umwandlung in eine polytechnische Anstalt, eine Entscheidung, die zweifellos die Entwicklung zur Technischen Hochschule in Darmstadt begünstigt hat.

Lange Zeit war auch der Standort der höheren Gewerbeschule im Großherzogtum nicht unumstritten: Mainz, die Handels- und Industrie- stadt am Rhein, an Einwohnerzahl fast doppelt so groß wie Darm- stadt, erhob ebenso Anspruch auf diese Schule wie Gießen, das als Standort der Landesuniversität durch seine Abgeordneten im Landtag immer wieder auf die Gefahren hinwies, die eine technische Bildungs- einrichtung für die Einheit der Universität habe, und zwei Universitä- ten könne man sich im kleinen Hessen-Darmstadt nicht leisten.

Naturwissenschaft und Technologie an der Universität Gießen

Nicht zu Unrecht wird in der Wissenschaftsgeschichte Justus Liebig als der Begründer der chemischen Wissenschaft in Deutschland be- zeichnet. Als Schüler des bedeutenden Physikers Gay-Lussac in Paris erhielt er im Alter von 21 Jahren am 26. Mai 1824 durch Dekret des Großherzogs Ludwig lJ. von Hessen-Darmstadt eine außerordentliche Professur für Chemie an der Landesuniversität Gießen. Schon knapp 2 Jahre später, am 7. Dezember 1825, wurde er Ordinarius und lehrte insgesamt 57 Semester in Gießen, ehe er 1852 einem Ruf nach Mün- chen folgte. Durch Liebig wird Gießen die Geburtsstätte der Chemie und Ausgangspunkt der modernen Naturwissenschaften in Deutschland, denn alle seine bedeutenden Entdeckungen auf dem Gebiet der organi- schen Chemie und der Agrikulturchemie hat er in seinem berühmten Laboratorium im alten Wachthaus an der Liebigstraße gemacht. Sein formenreiches Marmordenkmal hat der Krieg zerstört, das Museum an seiner ehemaligen Wirkungsstätte aber wurde ausgebaut, und die jetzt 375 Jahre alte Universität ehrte seine Verdienste durch die UÜbernah- me des Namens bei ihrer Wiedereröffnung als Volluniversität im Jahre 1957.

Ein sehr geschätztes Mitglied des Gelehrtenkreises um Liebig war Heinrich Buff, ein Neffe von Goethes Lotte, der von 1827 bis 1828 und von 1830 bis 1833 Privatdozent und von 1838 bis 1878 ordentl.

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