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Zur Geschichte Gießens und seines Umlandes : Aufsätze und Reden / von Erwin Knauß
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gekommen. Der Gießener Raum und mit ihm auch der Schiffenberg waren Teil der neugebildeten Landgrafschaft Hessen-Marburg gewor- den. Nach dem Aussterben des Marburger Grafenhauses 1604 blieb un- sere Gegend Zankapfel zwischen den verbliebenen Landgrafschaften von Hessen-Kassel und Hessen-Darmstadt. Dieser langwierige Streit endete erst mit dem Abschluß des 30jährigen Krieges, nachdem man sich von 1645 bis 1648 noch einen harten Bruderkampf, den"Hessen- krieg, geleistet hatte, dem die Burgen Gleiberg und Staufenberg zum Opfer fielen. Damals entstand die Grenzlinie, die im wesentlichen bis zum heutigen Tage die Regierungsbezirke Kassel und Darmstadt trennt. Mit Gießen kam die Deutschordenskommende Schiffenberg für die letzten eineinhalb Jahrhunderte ihrer relativen Selbständigkeit an Hessen-Darmstadt.

Streitschriften um die Unabhängigkeit der Kommende

Diese letzte Phase und hier vor allem die Jahrzehnte vor dem Ende der alten Staats- und Gesellschaftsordnung in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts sind gekennzeichnet- wie mancherorts im Reich von immer wieder auflebenden Versuchen des Deutschordenshauses in Marburg und der Kommende auf dem Schiffenberg, die Unabhängigkeit gegenüber der Landgrafschaft durchzusetzen. In dieser Auseinanderset- zung, die von beiden Seiten mit umfangreichen gedruckten Streit- schriften der Jahre 1751 bis 1754 geführt wurde, gelang es weder dem Orden, seine Reichsunmittelbarkeit schlüssig zu beweisen, noch war es den fürstlichen Häusern von Hessen-Kassel und Hessen-Darm- stadt möglich, die noch mühsam behauptete Selbständigkeit der Kom- mende ganz aufzuheben.

Haben diese Streitschriften, deren langatmige Titel allein eine Druck- seite füllen würden, auch ihr eigentliches Ziel damals nicht erkämpfen können, so enthalten sie doch ein umfangreiches, noch kaum ausge- schöpftes Material zur Wirtschafts- und Verfassungsgeschichte des al- ten Reiches, wie insbesondere des hessischen Raumes. Ihnen sollte ge- legentlich einmal eine eigene Betrachtung gewidmet sein. An dieser Stelle soll auch auf die unausgewerteten handschriftlichen Aufzeich- nungen des Hausener Pfarrers Köster aus dem Jahre 1847 hingewiesen werden, die im Staatsarchiv Darmstadt lagern(Fotokopien im Stadtar- chiv Gießen).

Schiffenbergs Verhältnis zu Gießen im 18. Ih. Auf Grund dieser Auseinandersetzungen blieben auch die Beziehungen der Deutschordenskommende Schiffenberg zur Stadt Gießen gespannt,

denn dort war der Sitz des fürstl. hessen-darmstädtischen Oberamts sowie des Gerichts. Von Fall zu Fall müssen die Schiffenberger als

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