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Zur Geschichte Gießens und seines Umlandes : Aufsätze und Reden / von Erwin Knauß
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zu säkularisieren, schließlich scheiterten. Dabei hatte es an konkreten Schritten des Landgrafen, den Orden zu entmachten, nicht gefehlt. So wurde Schiffenberg in seinen Besitzungen in den hessischen Dörfern auch zur Türkensteuer herangezogen, und das notwendige Holz für den Bau der Festung Gießen(1530- 1533) ließ Philipp nicht im städtischen Markwald, sondern im Kommendewald schlagen; ein wesentlicher Ein- griff in die bisher nicht angetastete wirtschaftliche Eigenverwaltung der Komturei. Schließlich wurde im Jahre 1543 das Marburger Haupt- haus der Ballei Hessen und auch das Haus Schiffenberg besetzt, und je ein Beamter des Landgrafen übernahm dort die Verwaltung.

Es war wohl weniger dem verständlichen Protest der Grafen von Nas- sau als Vögte als vielmehr dem Druck des Kaisers im Zusammenhang mit der auch in anderer Beziehung unglücklichen Politik Philipps des Großmütigen zuzuschreiben, daß es 1545 in einem Vertrag dem Orden gelang, Hessen zu einem Verzicht auf die besetzten Häuser zu zwin- gen.

Die Kommende wird zum Gutshof

Gleichwohl ging auch der Deutsche Orden und damit die kleine Kom mende Schiffenberg nicht ungeschoren aus diesen Wirren des Refor- mationszeitalters hervor. Abgesehen davon, daß der katholische Gottesdienst aufhörte und die Verkündigung in der evangelischen Leh- re zur Pflicht gemacht wurde, nachdem die Gemeinde in Leihgestern bereits 1532 für ihre Kapelle lutherischen Gottesdienst verlangt und erhalten hatte, war geistliche Betätigung längst nicht mehr der Mit- telpunkt des Lebens auf dem Schiffenberg; vielmehr war die Kommen- de ihres religiösen Charakters weitgehend entkleidet und hatte die Funktion eines größeren Gutshofes bekommen. Dies wird allzu deutlich an der Tatsache, daß die altehrwürdige romanische Basilika zum grö ßBeren Teil nun als Scheuer dient und an Bausubstanz verliert.

Die Komture und die anderen Ordensleute entstammen meist dem Landadel, dienen oft als Offiziere in den verschiedensten Armeen und sind nur selten auf dem Schiffenberg anwesend. Bedienstete und Knechte besorgen die Wirtschaft, ein Förster und ein Wiesenwart ver suchen, in Wald und Feld die Ordnung aufrechtzuerhalten und Frevler zur Buße zu zwingen. Dabei kommt es zu vielen unerfreulichen Strei- tigkeiten und gerichtlichen Auseinandersetzungen mit den Nachbarge- meinden, mit der Stadt Gießen und mit der Landgrafschaft Hessen- Darmstadt.

Staatliche Veränderungen nach der Reformation

Hier war es nach dem Tode Philipps des Großmütigen 1567 durch sein folgenschweres Testament zu erheblichen staatlichen Veränderungen

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