Die Landgrafschaft Hessen hatte sich in diesem Machtkampf, der Ausfluß des Zurückweichens der kaiserlichen Zentralgewalt und der damit einhergehenden Territorialisierung des Reichsgebiets war, insbe- sondere mit den Grafen von Nassau im Westen und den Erzbischöfen von Mainz auseinanderzusetzen. Letztere versuchten ihre teilweise um- fangreichen Stützpunkte um Wetter, Amöneburg, Neustadt, Fritzlar und weitere im nordhessischen Raum zu einem geschlossenen Territo-— rium zusammenzufassen, um so der Landeshoheit über das gesamte hessische Gebiet näherzukommen.
Die Funktion der Stadt Gießen im Kampf um die Landeshoheit
Die junge Stadt Gießen, seit 1264/65 hessisch, sollte in diesen Kämp- fen um die Territorialhoheit eine bedeutsame Rolle spielen. Mit einer erweiterten Befestigung, dem Bau einer zweiten Wasserburg(heutiges Altes Schloß), und der Verstärkung von Burgmannschaft und Bevölke- rung wurde Gießen zum südlichen Eckpfeiler der Landgrafschaft und, wie sich in den folgenden Jahrhunderten zeigte, zu einem ihrer treue- sten Verbündeten. So mußte sich zwangsläufig zu allen jenen Nachbarn ein konfliktträchtiges Verhältnis entwickeln, die nicht oder noch nicht der direkten hessischen Hoheit unterstanden. Dazu zählten die erbei- genen nassauischen Gebiete um den Gleiberg und westlich davon, das mit Nassau ugemeinsame Land an der Lahn“, der Hüttenberg und na- türlich auch die fast vollständig von hessischem Territorium umgebene kleine Deutschordenskommende Schiffenberg.
Die Entscheidung des Trierer Erzbischofs, den Schiffenberg 1323 an den Deutschen Orden zu übergeben, hatte machtpolitisch ein Signal gesetzt, denn Trier stand auf der Seite der Mainzer Erzbischöfe, und die kurzfristige Eroberung von Gießen durch Mainzer Truppen im Jahre 1327 schien dieser Politik Erfolg zu versprechen. Doch der mit tat- kräftiger Unterstützung Gießens erfochtene militärische Sieg des jun- gen Landgrafen Heinrich II. am 10. August 1328 bei Wetzlar vertrieb die Mainzer nicht nur aus der Stadt, sondern ebnete dem Landgrafen auch das Feld zur Konsolidierung seiner Landesherrschaft in unserem Gebiet, die freilich erst nach 1427 endgültig gesichert wurde.
Die Kommende Schiffenberg zwischen Landesherr und Vogt
Mit der Sicherung der hessischen Herrschaft über Gießen nach 1328 beginnt eine Zeit, in der die Landgrafen versuchen, ihren Einfluß auf die Kommende Schiffenberg zu verstärken und die Selbständigkeit des Ordens zu beschränken. Gleichzeitig werden Versuche der Grafen von Nassau bemerkbar, auf ihre Vogtei zu pochen und von dort ihr Mit- spracherecht an Angelegenheiten der Kommende geltend zu machen. Dies führte dazu, daß in jenen zwei Jahrhunderten bis zur Reformation
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