Es gilt heute auch andere Akzente zu setzen, wenn die lokal begrenz- te Beschäftigung mit der Geschichte mehr sein soll als contemplatives Eintauchen in ferne Vergangenheit oder reine Unterhaltung auf einem etwas gehobenen geistigen Niveau. Sinnvoll und attraktiv wird die Ar- beit von Geschichtsvereinen in dem ihnen je eigenen regional begrenz- ten Rahmen, wenn sie es versteht, Menschen der Heimat, Vorgänge der Landschaft, Wirken der Herrschaft, Leben und Leiden des Volkes vergangener Epochen so ins Bewußtsein zu heben, daß der Zeitgenosse nicht bewundernd und anbetend verharrt, sondern erschrickt, sich selbst im Spiegel der Geschichte wiedererkennt und daraus seine Schlüsse zieht. Hier wiederum sehe ich die große Aufgabe, aber auch die einmalige Chance von Geschichtsvereinen in unserer Zeit.
Wollen wir die freiheitlich-demokratische Ordnung bewahren, stabili- sieren, verbessern, so müssen Geschichtsforschung, Geschichtsschrei- bung und Geschichtsbetrachtung mehr als bisher ihren Traditionen ge- recht werden. Es ist notwendiger denn je, der Geschichte der Masse der Menschen, ihrem Leben, Kämpfen und Leiden nachzuspüren als der Geschichte der wenigen, die über sie herrschten!
Denkanstöße in dieser Richtung gab noch kurz vor seinem Tode der ehemalige Bundespräsident Gustav Heinemann mit der Gründung eines Museums in Rastatt zur Geschichte der Demokratie in Deutschland. Wie er Beschäftigung mit der Geschichte verstanden wissen wollte, hat er anläßlich seiner Rede zur Schaffermahlzeit in Bremen schon 1970 ausgeführt:
Es kann-(so meine ich)- nicht um die Frage gehen: Tradi- tion- ja oder nein? Die Alternative besteht vielmehr darin, an welche Traditionen angeknüpft werden soll und in welchem Sinn wir eines historischen Vorgangs gedenken.- Einer demokrati- schen Gesellschaft steht es schlecht zu Gesicht, wenn sie auch heute noch in aufständischen Bauern nichts anderes als meu-— ternde Rotten sieht, die von der Obrigkeit schnell gezähmt und in Schranken verwiesen werden.
So haben die Sieger die Geschichte geschrieben. Es ist an der Zeit, daß ein freiheitlich-demokratisches Deutschland unsere Geschichte bis in die Schulbücher hinein anders schreibt.“
Hier haben wir doch- geben wir das offen zu- noch einen gewalti- gen Nachholbedarf: Vieles wurde verdrängt, vieles verzerrt gesehen, vieles verklärt, vieles aber konnte bis dahin gar nicht wahrgenommen werden, weil es unterdrückt wurde.
Auch hier könnten unzählige Beispiele angeführt werden, doch mag es genügen, darauf hinzuweisen, welch groteske Verwechslungen des Na- mens Liebknecht anläßlich seines 150. Geburtstages vor zwei Jahren hier in Gießen registriert werden mußten- selbst bei denen, deren
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