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Zur Geschichte Gießens und seines Umlandes : Aufsätze und Reden / von Erwin Knauß
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aber auch mögliche und sinnvolle Wege zu neuen, verbesserten Lebens- bedingungen zu erkennen und wenn nötig und möglich, bei der Bege- hung solcher Wege tätig mitzuwirken.

Wie aber kann dies alles nun in sinnvoller Weise geschehen?

Ich glaube, es gilt begreifen zu lernen, daß Geschichte das Handeln von Menschen in gewissen gesellschaftlichen Gruppen unter bestimm- ten Bedingungen ist. Geschichte ist auch ein Ablauf der Auseinander- setzung zwischen oben und unten, arm und reich, Herrschenden und Unterdrückten. Sie ist schließlich auch nie monokausal erklärbar, weil sie im Handeln von Menschen deren Stärken und Schwächen widerspie- gelt. Es ist daher nach meiner Ansicht ein Schritt in zwei Richtungen notwendig, um dem Menschen unserer Zeit Orientierungshilfen aus besserem Verständnis geschichtlicher Entwicklung an die Hand zu ge- ben. Einerseits gilt es, der bisherigen Praxis einer allzu einseitigen Darlegung vergangenen Geschehens, einer allzu positiven Schilderung bedeutender Kräfte in der Geschichte Einhalt zu gebieten.

Lassen Sie mich das an einem Beispiel erläutern:

So war eben Karl der Große nicht nur der geniale Staatsmann und Stabilisator des Frankenreiches, sondern auch ein Mensch mit sehr peinlichen Schwächen; Luther war nicht nur der furchtlose Protestant, der die Kirche reformierte, er war auch der furchtbare Antisemit und ziemlich einäugig und verständnislos gegenüber dem Anliegen der Bauern, und Friedrich der Große war nicht nur der Schöpfer eines machtvollen Preußens, nicht nur der tolerante Herrscher des'niedriger Hängen, er war der Gegenspieler von Kaiser und Reich, der Flöten- spielen zwar liebte, aber von Information und Bildung seiner Unterta- nen wenig hielt, wie er auch Kant, Herder oder Lessing unbeachtet ließ. Und Bismarck war nicht nur der Gründer des 2. Reichs und gerade im Juni 1878- als jehrlicher Makler der Herr des Berliner Kongresses, er war auch der Verlierer des Kampfes gegen Katholiken und Sozialdemokraten, weil er die Privilegien bestimmter Gruppen nicht abzubauen bereit war.

Man könnte solche Beispiele vervielfachen, wobei freilich auch gesagt werden muß, daß die Darstellung Karls des Großen als'Sachsen- schlächter oder des Landgrafen von Hessen-Kassel als Soldatenhänd- ler in der bisherigen Lesart nicht aufrechtzuerhalten ist, um nur zwei Fälle zu nennen, wo sich Geschichtsdarstellungen allzusehr dem Urteil nähern, das Jacob Burckhardt einmal über die'terribles simplifica- teurs!, die schrecklichen Vereinfacher und Verniedlicher, gesprochen hat.

Aber ich glaube, bei diesem Vorgehen beide Seiten einer Medaille hi- storischen Geschehens von der'patina zu befreien, um der Wahrheit näherzukommen und ein besseres Verhältnis zur Vergangenheit herzu- stellen, dürfen wir nicht stehenbleiben.

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