artikel gewährte Freiheit der Information aus allen zugänglichen Quel- len, weil eben der Zugang zu allen Quellen auch mit der Chancen- gleichheit der Bildung und der sozialen Situation eng zusammenhängt.
Vollends wird klar, daß Geschichtsdarstellung immer subjektiv beein- flußt ist, wenn wir das gegenüberstellen, was uns in den Massenme-— dien angeboten wird, vor allem aber auch, wenn wir gelegentlich auf- merksam werden auf das, was dort alles unterschlagen, verschwiegen oder verharmlost wird.
Hier nun möchte ich kritisches Nachdenken provozieren, was denn Sinn und Zweck von Geschichtsdarstellung sein soll.
Hier hilft uns wieder Jacob Burckhardt mit einer ebenso kurzen wie klaren Antwort:"Geschichte ist, was ein Zeitalter an dem anderen interessiert.“
Wenn das so ist— und Jacob Burckhardt hatte ja eine unnachahmliche Fähigkeit, Wahrheiten einfach auszudrücken-, dann setzt das voraus, daß wir, um mehr oder weniger weit zurückliegende Epochen begrei- fen zu können, um aus der Geschichte nützliche Lehren für die Be— wältigung des Lebens und die Gestaltung der Zukunft zu ziehen, auch tatsächlich erkennen, was uns interessiert, d.h. unseren Interessen entspricht. Wer darüber ernsthaft nachzudenken beginnt, wird bald be- greifen, wie notwendig der Wissenschaftspluralismus für eine freiheit- liche Staatsordnung ist, weil er erkannt hat, wie seine Interessenlage zwar mit unzähligen anderen übereinstimmt, aber wie sie sich allzu oft doch auch von der Interessenlage derer unterscheidet, die die Auswahl geschichtlicher Betrachtungsweisen in Schulen und anderen Bereichen getroffen haben.
Nun wird der kritische Betrachter dann meist feststellen, daß diese Auswahl jahrzehntelang allzu einseitig, allzu vordergründig, ja oft sim- plifizierend getroffen wurde. Es kann dabei für den Kenner der Mate-— rie keinem Zweifel unterliegen, daß diese einseitige Auswahl der Dar- bietung bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts zweckgerichtet war und auf die Glorifizierung der deutschen Geschichte, auf die Be- jahung und Stützung der bestehenden staatlichen Ordnung, auf die Pflege einer besonderen Tradition, auf die Bewahrung einer oft noch stark reaktionären Grundhaltung abstellte. Diese Entwicklung be- schränkte sich nicht nur auf die Darstellung von Historie in Ge— schichtsbüchern und Publikationsorganen; sie hat auch vor der Arbeit der Geschichtsvereine und ihrem Wirken nicht haltgemacht, ja viele Geschichtsvereine sind überhaupt unter diesem Vorzeichen angetreten.
Hier aber setzt das ein, was ich als gesellschaftspolitischen Auftrag und als die andere wichtige Aufgabe der Geschichtsvereine in unserer Zeit sehe: Die Menschen zu befähigen, das geschichtliche Werden in ihrer vertrauten Umwelt zu begreifen, Veränderungen wahrzunehmen,
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