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Zur Geschichte Gießens und seines Umlandes : Aufsätze und Reden / von Erwin Knauß
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derzusetzen; gleichzeitig aber mußten sie sich dem widerspenstigen landsässigen Adel unterwerfen, der nicht gesonnen war, seine- meist aus dem einstigen Ministerialenstatus herrührenden- Rechte den Lan- desherren ohne Zwang zu opfern. Exemplarisch für unsere Gegend ist hier der jahrhundertelange Streit um die Landeshoheit im ehemals reichsunmittelbaren Busecker Tal zwischen den dortigen adeligen Ge- richtsherren und den Landgrafen, der noch im ausgehenden 16. Jahr- hundert nicht endgültig entschieden war.

Im Ausbau seiner Territorialmacht mußte sich Hessens Landgraf, der im Jahre 1292 von König Adolf von Nassau in den Reichsfürstenstand erhoben worden war und damit den Vorrang unter allen anderen Gra- fengeschlechtern in Hessen gewann, vor allem der Versuche der Erz- bischöfe von Mainz erwehren, ihrerseits aus ihren zahlreichen Stütz punkten in Hessen wie Amöneburg, Fritzlar und Naumburg ein ge schlossenes Territorium mit machtvoller Landeshoheit zu begründen.

Der Streit mit Mainz, der erst 1427 endgültig zugunsten der Landgraf- schaft entschieden wurde, führte Hessen mehrmals an den Rand seiner Existenz.

Bewährteste und beste Helfer in diesen Kämpfen gegen Mainz- wie in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts gegen den aufständischen hessischen Landadel in den sogen."Sternerkriegen- waren die lan- desherrlichen Städte mit ihren Berg- oder Wasserburgen.

Zu ihnen zählte die Stadt Gießen, die wir nun in unsere Betrachtung einbeziehen können, da ihre Entwicklung mit der Geschichte der Landgrafschaft Hessen seit der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts untrennbar verbunden ist.

Ursprung der späteren Stadt ist jene kleine Wasserburg, die um die Mitte des 12. Jahrhunderts als Herrschaftsmittelpunkt einer Gleiberger Teilgrafschaft begründet worden war. Diese Funktion brachte bald Handel und Handwerk an und in den Burgbezirk, ließ eine kontinuier- lich wachsende Siedlung entstehen, die sich dann schon im ersten Jahrhundert ihrer Existenz zur Stadt entwickelte.

Der erste hessische Landgraf Heinrich I., der von Beginn seiner Herr- schaft an in heftige Auseinandersetzung um die Landeshoheit verwik- kelt worden war, hatte wohl die hervorragende strategische Bedeutung Gießens erkannt, als es ihm gelang, die Stadt den an Machtpolitik im hessischen Raum nicht interessierten Tübinger Pfalzgrafen 1264/65 ab- zukaufen und zum südlichen Eckpfeiler seiner Landespolitik zu machen.

Heinrich I., der 52 Jahre lang von 1256 bis 1308 die Geschicke der Landgrafschaft lenkte, hat wohl noch während seiner Regierungszeit eine zweite größere(Wasser-)Burg, das heutige"Alte Schloß, er- bauen und die Stadt mit einem erweiterten und verbesserten Mauer-

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