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Zur Geschichte Gießens und seines Umlandes : Aufsätze und Reden / von Erwin Knauß
Entstehung
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Das Hochmittelalter

Im Laufe des 11. Jahrhunderts begann in unserem Untersuchungsgebiet - wie überall im hochmittelalterlichen Reich- die langsame Umwand- lung der bis dahin vom Reich abhängigen Amtsgrafschaften in erbei- gene Territorien, über die die Grafenfamilien relativ selbständig ver- fügen konnten. Dieser Prozeß ging um so schneller vor sich, je mäch- tiger und einflußreicher der jeweilige Graf vermittels seiner Grund- herrschaft und seiner Gerichtsrechte war und sich von der Zentralge- walt zu lösen verstand. Mit der Ausbildung eigenständiger Herrschafts- bereiche ging jedoch auch eine territoriale Aufsplitterung einher, die das bis dahin weitgehend einheitliche politische Bild im Gebiet des heutigen Kreises Gießen wesentlich veränderte.

Die bedeutenderen Dynastenfamilien, die in unserem Raum bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts zu eigenständiger Macht und Herrschaft gelangten, sollen im folgenden kurz vorgestellt werden, da die ge- schichtliche Entwicklung bis zum 19. Jahrhundert nur von ihrem Ur- sprung und Aufstieg her begriffen werden kann.

Die Grafen von Gleiberg

Nachfolger der letzten Amtsgrafen in den Grafschaften an der mittle- ren und oberen Lahn, soweit sie unser Gebiet betreffen, wurden die Grafen von Gleiberg. Sie waren gegen Ende des 10. Jahrhunderts durch die Heirat des Grafen Friedrich I. von Luxemburg mit der Tochter des Grafen Heribert im Gau Wetterau, die aus einer Konradi- nerfamilie stammte, nach Hessen gekommen. Schon um diese Zeit dürfte der Gleiberg gebaut worden sein; er diente seitdem als Herr schaftsmittelpunkt, ehe um die Mitte des 12. Jahrhunderts eine Zer- splitterung und damit Auflösung dieser Gleiberger Grafschaft einsetz- te.

Die für uns wesentlichen Entwicklungen, die sich aus den Erbteilungen der Gleiberger Grafen ergeben, sind im östlichen Teil der Grafschaft die Begründung der kleinen Herrschaft Gießen, wo um 1150 bereits eine Wasserburg errichtet worden war, und die Herausbildung der Me- renberger Herrschaft(Stammburg bei Weilburg) im Westteil der Graf- schaft Gleiberg(ab 1163), die ihrerseits durch Erbfall 1328 an Nassau kam.

Zum Gleiberger Erbe gehörten außerdem: der Hüttenberg, ein alter, vom Reich lehnbarer Gerichtsbezirk, der- ebenso wie das"Gemeine Land an der Lahn- bei den Gleiberger Teilungen zunächst im ge- meinsamen Besitz geblieben war(s. u.), der ebenfalls ursprünglich vom Reich lehnbare Gerichtsbezirk des Busecker Tals, der ausgedehnte Be- zirk des Wiesecker Waldes mit all den Rodungsorten, die dort vom 8. bis zum 12. Jahrhundert entstanden sind, und das von einer Gleiberger Gräfin 1129 gegründete Kloster Schiffenberg.

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